Mauer und Mist*

Die Höhensiedlung Petines in Ludesch  

Oberhalb von Ludesch, nahe der Raggaler Straße, ist in den letzten Jahren eine Aushubdeponie entstanden (Abb. 1). Seit Menschen mit maschineller Hilfe derart Einfluss auf die Gestalt der Erdoberflächen ausüben, spricht man häufig vom neuen Erdzeitalter des „Anthropozän“. Einen Teil der Umwelt bildet der Mensch dagegen schon seit Jahrtausenden. Archäologische Fundstellen, besonders obertägig sichtbare Geländemerkmale, zeugen von der gestalterischen Kraft früherer Gesellschaften.

Abb 1: Errichtung der Aushubdeponie im Herbst 2022. Die Hügelkuppe von Petines befindet sich dahinter, links im Bild (Foto: Picker).

Südlich an dieses Deponieareal angrenzend – und dank der Ausweisung als „archäologische Fundzone“ davon unberührt – erhebt sich eine kleine Hügelkuppe mit dem Flurnamen Petines bzw. Bedinas. Das Plateau bietet einen guten Überblick über die Talebene des Walgau. Dass es auch auf dem Petines-Plateau von Menschen geschaffene Strukturen gibt, ist schon länger bekannt. Im Geländemodell ist ein überwachsener Wall an der Nord- und Westseite des Hügels noch gut sichtbar (Abb.2). Erhebungen und Terrassierungen liefern einen Eindruck von der Innenbebauung. Aus welcher Zeit die Strukturen stammen oder welchem Zweck sie dienten konnte bisher jedoch nur vermutet werden. Häufig werden solche in der Forschung als Höhensiedlungen bezeichnete Orte in die Vorgeschichte oder die Spätantike bzw. die „Völkerwanderungszeit“ datiert und mit der Flucht, dem Schutz oder der Repräsentation von Bevölkerungsgruppen begründet. Die erhöhten Siedlungslagen bieten eine gute Übersicht über die Talebene und einen trockenen Untergrund bzw. Schutz vor Hochwasser. Damit sind sie für alle Epochen interessant. Das Beispiel von Petines zeigt, wie vielfältig die Nutzung solcher Lagen sein kann. 

Abb 2: Lage der Fundstelle Petines in Ludesch im Geländemodell; der Wall an der Plateaukante ist gut sichtbar (VoGIS 2024).

Die Errichtung der Deponie nahm das Gemeindearchiv Ludesch zum Anlass, eine vom Bundesdenkmalamt und Land Vorarlberg geförderte archäologische Untersuchung des Plateaus in Auftrag zu geben. Zwischen den Jahren 2021 und 2023 wurden die Geländestrukturen ersterfasst und beschrieben, zusätzlich erfolgten auch mehrere Begehungen mit Metalldetektoren an den Hangflanken und auf dem Plateau. Dort war der geringe Fundniederschlag von Metallobjekten auffällig. Mit Sicherheit wurde Petines bereits von vielen illegalen Sondengängern begangen, weswegen die Archäolog:innen nur noch wenige Metallfunde an den unzugänglichsten Stellen vorfanden. Damit entgeht der Archäologie großes Interpretationspotential: Ohne diagnostische Funde ist die funktionale und chronologische Einordnung einer Fundstelle erschwert. 

Abb 3: Grabungsschnitt durch den Wall an der Westseite des Plateaus (Foto: Picker)

Um nähere Erkenntnisse zum Aufbau des „Walls“ und der möglichen Siedlung auf Petines zu erlangen, wurden zwei Grabungsschnitte angelegt (Abb.3). Die Grabungsergebnisse zeigten, dass die Anhöhe mindestens über zwei Phasen genutzt wurde. In der ersten Phase wurde sie mit einer gemörtelten Mauer umgeben (Abb. 4). Diese älteste Mauer dürfte ursprünglich um die ganze Kuppe herum verlaufen sein. Jedenfalls besitzt sie eine Stärke von nur ca. 70 cm, kann also aufgrund dieser geringen Breite nicht zu einer mittelalterlichen Burg gehört haben. Da die Mauer mit Kalkmörtel gebunden ist, kann sie auch kaum aus der Vorgeschichte stammen. Am wahrscheinlichsten scheint bisher eine (spät)römische Datierung dieser Phase, wie ein paar charakteristische Keramikfragmente (Terra Sigillata) und eine Münze aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. andeuten.  

Abb 4: Blick auf die erste Mauer. Sie ist mit Mörtel gebunden und zeigt klare Außenkanten (Context 2023).

In der zweiten Phase wurde diese Mauer von einer Steinpackung überprägt, die im Wesentlichen den heute sichtbaren Wall bildet, an die innen ein mächtiges Humuspaket anschließt (Abb. 5). Die zweite Phase in Petines hängt mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem mittelalterlichen Weinbau in Ludesch zusammen. Bereits in der Mitte des 9. Jahrhunderts wird dieser im Churrätischen Reichgutsurbar, einem Verzeichnis königlicher Besitzungen, erwähnt: „Et in Ludasco (…) De Vino ad Decimam carrates.II.“. Noch bis ins 19. Jahrhundert sind die Ludescher Weinberge in den historischen Karten verzeichnet (Abb. 6). Um den Weinpflanzen auf den abfallenden Hängen genügend Nährstoffe bieten zu können, waren bestimmte Bauern dazu verpflichtet eine gewisse Menge an Mist zu den Weinbergen zu bringen. In sogenannten „Mistrodeln“ sind die Abgabemengen von solchem Düngematerial verzeichnet. Möglicherweise lässt sich durch einen solchen Materialeintrag – auf der sonst wohl eher von Erosion bedrohten Kuppe – die mächtige Erdschicht innerhalb des Walls erklären.  

Abb5: Schnitt durch den Wall. Die Nummer 28 markiert die erste Mauer (aus dem Bild ausgeschnitten), die von der jüngeren Steinpackung Nummer 4 überprägt wird. Die Schichten mit den Nummern 1, 3, 6 und 13 sind anlaufende Humusschichten (Context 2023).

Die sorgfältig vermörtelte Mauer der ersten Phase zeigt jedenfalls das Bestreben, das Plateau zu umgrenzen – wohl zum Schutz der Menschen und auch als Ausdruck von Wehrhaftigkeit in ereignisgeschichtlich unruhigen Zeiten. Im Walgau und im Rheintal findet sich eine ganze Reihe befestigter Höhensiedlungen, die am Ende der römischen Epoche (und darüber hinaus) wichtige militärische und administrative Zentralorte (castra) wurden. Weniger bekannt ist, welche Bedeutung diese Plätze schon etwas früher, in der Krise des Römischen Reiches ab dem 3. Jahrhundert, hatten. Darf man sich Petines also gar als „Fluchtburg“ in Zeiten der ersten Einfälle der Alamannen vorstellen? Zusammen mit den Anlagen auf der Heidenburg bei Göfis und auf Stellfeder in Nenzing könnte der Hügel oberhalb von Ludesch jedenfalls ein Netzwerk aus ähnlich gestalteten Höhensiedlungen gebildet haben. Ob hier ein Zusammenhang zwischen den Fundstellen besteht, müsste durch weitere Untersuchungen geklärt werden. 

Abb 6: Ludesch, Franziszeische Katastralmappe 1857, rot: Fundzone Petines, rote Fluren: Weinbau (VoGIS 2023).

Laura Holzer, Archäologin und Kunsthistorikerin bei der Firma Context KG 
Andreas Picker, Bundesdenkmalamt Archäologie, Vorarlberg 

*Der Titel bezieht sich auf die Beobachtung überraschend großer Humusmengen, die mit dem Einbringen von Mist im Rahmen von Weinbau in Verbindung gebracht wurden.

Hinterlasse einen Kommentar