Das Rätsel um das Grabkreuz des Adolf Hild (1883-1954) – Museumsdirektor und Archäologe

Im Jahr 2013 erschienenen Ausstellungskatalog „buchstäblich vorarlberg“ bat Johanna Kreis auf S. 83 die geneigte Leserschaft um Mithilfe bei einem scheinbar nicht lösbaren Rätsel rund um ein schmiedeeisernes Grabkreuz aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auf der Abdeckung des Inschriftkästchens, das über dem Schnittpunkt der Kreuzbalken sitzt, ist – nach erfolgter Restaurierung – eindeutig in Goldfarbe auf schwarzem Untergrund „JHS“ mit einem lateinischen Kreuz über dem „H“ zu sehen.

Des Rätsels Zentrum – das Grabkreuz. (Foto: Grabkreuz vorarlberg museum Inv.-Nr. F_0005 (rf 2013))

Ein Blick in die Inventare des Museums verwirrt zunächst. Diese wurden in der Zwischenkriegszeit neu geordnet (die wichtigeren Objekte erhielten die niedrigen Nummern) und handschriftlich übertragen. Sie beinhalten neben beschreibenden Informationen auch eine gekonnte Tuschfederzeichnung und Daten zu Herkunft und Erwerbung – für die Museumsarbeit fast 100 Jahre später ist das ein wahrer „Schatz“. Auf den ersten Blick ist das Grabkreuz unter der Inventarnummer F (wie Eisen) 005 wiederzuerkennen. Aber die Form des „IHS“ weicht deutlich vom heutigen Erscheinungsbild ab.

Die Tuschfederzeichnung im Muesums-Inventar. (Foto: Inventarblatt F_0005 (rf 2013))

Öffnet man das Kästchen, wird die Verwirrung noch größer. „Hier ruht in Gottes Frieden Adolf Hild Direktor des Vorarlberger Landesmuseums *1883 …… 1954“. Eine Autopsie am Grabkreuz ergibt, dass neben dem Inschriftenkästchen auch der Kreuzkorpus überarbeitet worden ist. Kann es sein, fragte sich vor 10 Jahren die Bearbeiterin Johanna Kreis, dass ein wichtigeres Museumsobjekt, nicht unbedingt in 100%-Übereinstimmung mit den Museumskonventionen (aktuell siehe dazu icom-oesterreich.at) für eine Zweitverwendung als Grabdenkmal des verdienten Museumsdirektors nicht nur vorbereitet, sondern vielleicht sogar auf dem Kennelbacher Friedhof aufgestellt worden ist? Da im Archiv des vorarlberg museums keine Unterlagen zu finden waren, setzte sie große Hoffnung auf einen Zeitzeugen. Leider vergeblich.

Erst im Zuge der Digitalisierungsinitiative der letzten Jahre kamen unter den 604 Foto-Negativen aus dem Jahr 1958 bzw. den 570 aus 1967 zwei hochinteressante Serien zum Vorschein: 11 Aufnahmen vom Begräbnis Hilds 1954 und 7 Situationsaufnahmen der Grabstätte 1967. Das ermöglicht uns nun das Grabmal auf dem Kennelbacher Friedhof zu lokalisieren und die Zweitverwendung von Inv.-Nr. F_0005 als Grabmal von Adolf Hild zu belegen.

Kranzniederlegung durch Elmar Vonbank, dem Nachfolger von Adolf Hild als Direktor des Vorarlberger Landesmuseums (Foto: vorarlberg museum Inv. Nr. Neg. 1958/115)
Das regelrecht in die Natur eingebettete Grabkreuz auf dem Kennelbacher Friedhof (Foto: vorarlberg museum Inv. Nr. Neg. 1967/448).

Es ist zweifelsfrei das Grabkreuz des vorarlberg museums. Bei einem Lokalaugenschein im Juli 2024 zeigt sich der Friedhof der Pfarrkirche St. Josef, gerade in diesem Bereich durch den 1974 erfolgten Bau der Aufbahrungshalle, gänzlich verändert. Auch ohne – vielleicht erfolglose – Archivstudien in der Gemeinde bzw. Pfarre, ist anzunehmen, dass allerspätestens kurz vor Baubeginn der Aufbahrungshalle das Grabkreuz demontiert und (still und leise) in das Depot des Museums zurückgebracht worden ist.

Diese kleine Geschichte ist eine von vielen, die die Museumsmitarbeiterinnen und –Mitarbeiter dem Publikum im sog. Schaudepot „buchstäblich vorarlberg“ erzählen können. Es ist nicht nur eine Geschichte von Datierung und Herstellung, von kunstgeschichtlicher Bedeutung und Verwendungszweck. Es ist auch eine berührende Geschichte von Ehrerbietung und Respekt: Adolf Hild war von 1907 bis 1948, anfangs als „Museumsdiener“, einfache Hilfskraft, dann als Fotograf und Ausgräber, zuletzt als Museumsdirektor mitverantwortlich für das moderne Vorarlberger Landesmuseum. Es ist auch eine Geschichte von Anerkennung und Menschlichkeit: Adolf Hild hat tausende Museumsgegenstände in über 30 Inventargruppen neu geordnet, die vorhandenen Informationen handschriftlich festgehalten und jedes einzelne Objekt mit Tusche und Feder detailreich und wiedererkennbar dokumentiert. F_0005 war eines davon. Dass es Jahre später sein Grabmal wurde, ist wohl kein Zufall.

Autor: Gerhard Grabher

Literatur:

Kreis, Johanna: gsi – grabkreuze, in: Rudigier, Andreas – Grabher, Gerhard (Hrsg.): „buchstäblich vorarlberg“, Ausstellungskatalog, Bregenz 2013, S. 80-89.
 

 

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