Wasserkraft und Gewalt – Was Archäologie zur Erforschung der NS-Zeit in Vorarlberg beitragen kann 

Während der Herrschaft des NS-Regimes 1938–1945 arbeiteten insgesamt etwa 20.000 ausländische Arbeitskräfte in Vorarlberg. Ein Teil dieser vornehmlich zwangsverpflichteten Arbeiter war im Montafon auf Baustellen eingeteilt, die im Zusammenhang mit dem Ausbau der Wasserkraftnutzung durch die Vorarlberger Illwerke standen. … Mit ihrem unfreiwilligen Beitrag haben die damaligen Arbeitskräfte zweifelllos am heutigen Wert des Unternehmens mitgeschaffen.“ Michael Kasper auf www.illwerkevkw.at

Erst vor wenigen Monaten ist Michael Kaspers umfangreiche Monografie zur Geschichte der Wasserkraft in Vorarlberg erschienen. In dem Buch widmet sich der Historiker und Direktor des vorarlberg museums auch umfassend den Zwangsarbeitenden, die während der NS-Zeit für den Bau von Kraftwerksanlagen der Illwerke im Montafon nach Vorarlberg verschleppt und hier ausgebeutet wurden – eine Geschichte von Kriegswirtschaft, Zwangsarbeit, prekären Arbeitsbedingungen und Gewalt. 

Abb. 1: Lage historisch überlieferte NS-Zwangslager im Montafon entlang der Illwerke-
Trasse, 1938/39–1945 (Karte: B. Hausmair; Geobasisdaten: EU Coperincus Data produziert
mit Finanzierung der Europäischen Union).

Doch wo genau befanden sich diese mehr als 15 Lager in denen man die ausgebeuteten Zivilist*innen und Kriegsgefangenen festhielt? Wie sah die räumliche Struktur solcher Barackensiedlungen aus? Was geschah mit ihnen nach dem Ende der NS-Zeit? Und ist von ihnen bis heute etwas übriggeblieben? Seit 2015 finden im Montafon immer wieder archäologische Forschungen statt, die diesen Fragen nachgehen, wobei aktuell besonders die Verortung im Vordergrund steht (Abb. 1). 

Abb. 2: Das Silvrettadorf während der NS-Zeit (oben) und 2016 (unten) (Fotos: oben:
Vorarlberger Landesbibliothek, Sammlung „100 Jahre Illwerke“, CC BY 4.0,
https://pid.volare.vorarlberg.at/o:409543; unten: B. Hausmair).

Das Silvrettadorf unterhalb des Stausees (Abb. 2) kennen fast alle Vorarlberger*innen, und mittlerweile auch seine Nutzungsgeschichte als Zwangsarbeitslager  für den Bau der gewaltigen Staumauer. Das Erscheinungsbild und der Gebäudebestand haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert (Abb. 3). Aber es stehen immer noch einige Originalbaracken auf dem ca. 1.900 Meter hoch gelegenen Plateau, und wenn man aufmerksam durch das Areal geht, fallen immer wieder Fundamentreste auf, die den Standort bereits abgetragener Bauten verraten (Abb. 3 und Abb. 4). 

Abb. 3: Der Baubestand des Silvrettadorfs (oben) auf einem Luftbild aus der Nachkriegszeit
und (unten) 2022 mit den historischen Bestandsgebäuden in Gelb und Standorten abgerissener
Gebäude in Rot (Karte: B. Hausmair; DOP: Land Vorarlberg, data.vorarlberg.gv.at, CC BY
4.0).

In vielen Fällen sind außer den Namen der Lager und deren ungefährer Lage jedoch nur wenige oder keine raumbezogenen Informationen zugänglich. Diese Gebäudekomplexe wurden im Laufe der Nachkriegszeit meist nur kurz umgenutzt und dann abgerissen und vergessen. Durch die verschränkte Auswertung verschiedener historischer Quellen und (luftbild)archäologischer Analysen kann eine Lokalisierung aber gelingen. 

Abb. 4: Fundamentplatte eines abgetragenen Gebäudes im Silvrettadorf (Foto: B. Hausmair).

Im Fall des Lagers Seespitz, das als Zwangsunterkunft für 200 Kriegsgefangene geplant wurde, ist die Lage auf einer Originalskizze aus dem Jahr 1940 an der westlichen Seite des Vermunt-Stausees eingezeichnet. Durch den Abgleich historischer Fotos und Luftbilder mit modernen Geodaten kann das Lager aber eindeutig an der Südspitze des Sees lokalisiert werden (Abb. 5). Oberflächlich ist zwar nichts mehr erhalten. Noch heute zeichnen sich die Fundamente der abgetragenen Gebäude aber als feine Lineamente auf modernen Luftaufnahmen ab, und können vor Ort bei genauem Hinschauen auch mit bloßem Auge im Gras entdeckt werden (Abb. 6/A–C).  

Abb. 5: Auf Luftbildern der 1950er Jahre sind die Baracken des Lagers Seespitz deutlich zu
erkennen. Feine Lineamente auf modernen Luftbildern zeichnen die Fundamente nach, die
sich bis heute im Areal erhalten haben (s. Abb. 6 ) (Karte: B. Hausmair; DOP: Land
Vorarlberg, data.vorarlberg.gv.at, CC BY 4.0).
Abb. 6: Lager Seespitz/Vermunt-Stausee: (A) 1939–1945, Blickrichtung Süden: Zäune um die
sechs Baracken verweisen auf die Funktion als Kriegsgefangenenlager – (B) 1945–1950,
Blickrichtung Norden: Die vier noch stehenden Baracken werden als Baulager auch nach dem
Krieg weitergenutzt, die Zäune sind aber entfernt worden – (C) 2016, Blickrichtung wie (B):
Fundamente des längst abgerissenen Lagers an der Südspitze des Vermunt-Stausees (Fotos: A
und B: Vorarlberger Landesbibliothek, Sammlung „100 Jahre Illwerke“, CC BY 4.0,
https://pid.volare.vorarlberg.at/o:409312 und https://pid.volare.vorarlberg.at/o:409403; C:
B. Hausmair)

Beim Lager Obervermunt ist die Verortung schwieriger. Auch hier ist die Lage nur auf einer groben Skizze, irgendwo entlang der Straße zwischen Silvrettadorf und Lager Seespitz, angegeben. Sieht man sich historische Luftbilder der 1950er Jahre an, kann zwischen Silvretta- und Vermunt-Stausee eine Gebäudegruppe erkannt werden (Abb. 7). Die zwei größeren Gebäude entsprechen in ihren Baumaßen RAD-Baracken des Reichsarbeitsdienstes, dem am häufigsten verwendeten yp für Behelfssiedlungen und Internierungslager während der NS-Zeit. Es ist möglich, dass es sich hier um das Lager Obervermunt handelt. Allerdings war das Lager historischen Unterlagen zufolge für die Unterbringung von 500 Kriegsgefangenen geplant. Zwei RAD-Baracken hätten hier zu enorm bedrängten Wohnverhältnissen geführt, zudem wären bei einem Kriegsgefangenenlager auch Bauten für Küche, Waschgelegenheiten und Wachpersonal zu erwarten. Es kann natürlich sein, dass bis in die 1950er Jahre, als das Luftbild (Abb. 7) gemacht wurde, bereits einige Baracken aus der NS-Zeit abgetragen waren. Letztlich kann aber nur weitere Forschung die Verortungsfrage klären. 

Abb. 7: Ob es sich bei den Gebäuden auf einem Luftbild aus den 1950er tatsächlich um
Baracken des Lagers Obervermunt handelt, muss noch durch weitere Forschung geklärt
werden (Karte: B. Hausmair; DOP: Land Vorarlberg, data.vorarlberg.gv.at, CC BY 4.0).

Man könnte weiter in den historischen Archiven der Illwerke oder des Landes „graben“, in der Hoffnung doch noch informatives Quellenmaterial zu finden; oder man könnte von der luftbildarchäologischen Fernerkundung in die Fläche wechseln und prüfen, ob noch archäologische Spuren dieser Gebäude unter der Grasnarbe erhalten sind, um Funktion und Nutzungszeit zu klären, wie das im Fall des Lagers Suggadin bereits geschehen ist. 

Abb. 8: Neben einer noch stehenden Baracke haben sich zahlreiche Reste von
Gebäudefundamenten und Terrassierungsmauern des Lagers Suggadin im Wald oberhalb des
Suggadinbachs erhalten (Fotos: I. Greußing).

Im Jahr 2015 führte die Universität Konstanz in Kooperation mit den Montafoner Museen einen archäologischen Survey (Begehung) im Bereich des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Suggadin bei St. Gallenkirch durch. Dieses Lager diente der Unterbringung von etwa 100 bis 150 Zwangsarbeitenden für den Bau der Wasserbrücke über den Suggadinbach. Die Lage war bekannt, denn eine Baracke hat die Zeit bis heute als Ferienhaus überdauert (Abb. 8). Aus historischen Dokumenten und Berichten von Zeitzeug*innen weiß man, dass in dem Lager äußerst prekäre Lebensbedingungen herrschten. Über die Anzahl und Ausstattung der Unterkunftsbaracken, Funktionsgebäude oder die räumliche Ausdehnung liegen aber keine aussagekräftigen Quellen vor. Nach Fertigstellung der Wasserbrücke 1943/44 wurde das Lager nicht mehr für die Baustelle benötigt. Nun wandelte es die Hitlerjugend zu einem sogenannten „Wehrertüchtigungslager“ um, wo man Jungen aus der Region auf ihren Einsatz in der Wehrmacht vorbereitete. Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands brachte die französische Besatzungsmacht dann im Sommer 1945 kurzzeitig eigene Einheiten im Lager unter. Danach wurden – mit Ausnahme der bis heute stehenden Baracke – alle Gebäude abgerissen. 

Abb. 9: Bei einem archäologischen Survey 2015 wurden Reste von mindestens sieben
Gebäuden, Wegverläufe und Reste des Lagerzaunes dokumentiert (Plan: I. Greußing und
B. Hausmair).

Bei der Begehung im Sommer 2015 sind wir das Areal systematisch abgegangen, haben noch sichtbare archäologische Überreste, wie Fundamente oder Bodenunebenheiten, dokumentiert (Abb. 9) und an der Oberfläche liegende Funde aufgesammelt. Gemeinsam mit Studierenden der Universität Konstanz, und an einem Tag auch mit Unterstützung von Schüler*innen der Mittelschule Schruns-Dorf, waren wir zwei Wochen am Werk. So war es auch möglich, dass sich junge Menschen aus der Region aktiv an der Erforschung der Geschichte ihrer Heimatregion beteiligen. 

Abb. 10: Für die Errichtung des Lagers wurden künstliche Terrassen in den Hang gegraben
und durch Terrassierungsmauern gestützt (Foto: I. Greußing).

Mehrere künstlich in den Hang gegrabene Terrassen, Terrassierungsmauern (Abb. 10) und auch die Wegesysteme des Lagers sind im Gelände noch deutlich sichtbar. Durch die Größe der Terrassen lässt sich auch die Ausdehnung des Lagers bestimmen. In manchen Bereichen liegen außerdem noch Reste der einst offenbar beleuchteten Zaunanlage im Wald (Abb. 11). Zusätzlich zu der noch stehenden Baracke konnten wir Fundamentreste von mindestens sieben weiteren Gebäuden dokumentieren, darunter vermutlich die Küchenbaracke und mehrere Unterkunftsbaracken. Nahe der Unterkunftsgebäude (Abb. 9) entdeckten wir außerdem zwei Gruben, bei denen es sich um die Reste einfacher Abortanlagen handeln dürfte. 

Abb. 11: Reste von Zaunpfählen mit Sicherungen der Firma Siemens verweisen auf eine einst
beleuchtete Einzäunung des Lagers (Foto: B. Hausmair).

Nur wenige der Funde datieren mit Sicherheit in die Zeit des Zwangsarbeitslagers, etwa die Zaun- und Beleuchtungsbestandteile der Firma Siemens (Abb. 11). Kurios ist eine Konservendose mit dem Aufdruck „Pacific 24 –Hour – Ration Supper“ (Abb. 12). Solche Konserven wurden während des Zweiten Weltkrieges für die Lebensmittelversorgung der britischen Armee im Pazifik hergestellt. Britische Einheiten waren in Vorarlberg aber nie stationiert. Es ist jedoch bekannt, dass die französische Armee enorme Probleme mit der Versorgung der eigenen Truppen hatte. Möglicherweise unterstützte die britische Armee die französische, indem sie eigene Konserven abgab. Damit spiegelt diese Konservendose im Vorarlberger Gebirge die globalen Vernetzungen dieses gewaltigen Krieges. 

Abb. 12: Funde aus dem Areal des ehemaligen Lagers Suggadin: Niveacremedose und
Geschirrfragment aus den 1950er Jahren und eine Konservendose der britischen Armee aus
der unmittelbaren Nachkriegszeit (Fotos: I. Greußing).

Die meisten durch Stempel oder Aufdrucke identifizierbaren Funde – wie eine Niveacreme-Dose oder Gefäßscherben von Wilhelmsburger Keramik (Abb. 12) – stammen hingegen aus den 1950/60er Jahren und stehen wohl mit der Nutzung der letzten verbliebenen Baracke als Ferienhaus in Verbindung. Mit dem Lager haben sie im eigentlichen Sinne nichts mehr zu tun. Aber sie verkörpern in gewisser Weise wie schnell man in Österreich und Deutschland nach dem Ende des Nationalsozialismus versuchte, die Verbrechen, die an so vielen Menschen verübt worden waren, zu vergessen, indem unter anderem die Orte, an denen die Opfer des Nationalsozialismus leiden mussten, aus dem Blick entfernte und mit neuen, „unverfänglichen“ Nutzungen umzudeuten begann. 

Die enge Zusammenarbeit von Archäologie und Geschichtsforschung ist ein wichtiger Beitrag gegen dieses Vergessen, und damit auch für ein Lernen aus der Vergangenheit für unsere Zukunft. 

Autorin: Barbara Hausmair, Institut für Archäologien/Leitung FB Mittelalter- und Neuzeitarchäologie, Universität Innsbruck 

Literatur: 

B. Hausmair – I. Greußing, Was vom Lager übrig bleibt… Archäologische Untersuchungen im ehemaligen NS-Zwangsarbeitslager Suggadin, Jahresbericht der Montafoner Museen 2015, 2016, 43–53. 

M. Kasper, 100 Jahre Energie aus Vorarlberg (Innsbruck 2024). 

2 Kommentare zu „Wasserkraft und Gewalt – Was Archäologie zur Erforschung der NS-Zeit in Vorarlberg beitragen kann 

  1. Bei Abbildung 1 Nummer 15 handelt es sich nicht um „Lünersee“ sondern um das Lager der Firma Hinteregger beim Staubecken „Latschau“ mit einer Wirtschaftsbaracke sowie sechs Mannschaftsbaracken (insgesamt 315 Betten).

    Nummer 11 „Suggadin“ umfasste laut Archivquellen zwei Lager: Das Lager der Firma Hinteregger bestand aus einer Wirtschaftsbaracke und fünf Mannschaftsbaracken (insgesamt 290 Betten), das Lager der Firma Heimbach & Schneider aus einer Wirtschaftsbaracken und drei Mannschaftbaracken (insgesamt 150 Betten).

    Nummer 16 „Rodund“ bestand aus dem Lager A der Firma Hinteregger (210 Betten), Lager B der Agt. Krafthaus Rodund (416 Betten), Lager C der Agt. Baresel & Moosbrugger (144 Betten) und Lager D der Vorarlberger Illwerke A.G. (Monteurunterkunft, 22 Betten). Nach Auskunft eines historischen Luftbildes vom Februar 1945 ist die Lage der Barackenunterkünfte weiter südöstlich zu verorten.

    Am 20.5.1943 standen 30 „Wohnlager“ beim Bauvorhaben der Vorarlberger Illwerke A.G. im Einsatz.

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