Zwischen Herbst 2016 und Frühjahr 2017 konnte ein kleiner Teil einer öffentlichen Platzanlage im römerzeitlichen Bregenz ausgegraben werden (Abb. 1, Titelbild). Dabei ließen sich nicht nur neue Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte gewinnen, sondern auch beachtliche Funde von hoher künstlerischer Qualität an Tageslicht fördern. Einem dieser besonderen Funde ist dieser Beitrag im Sinne eines Werkstattberichts gewidmet.
Im 19. Jahrhundert legte niemand geringerer als Samuel Jenny Teile der Anlage erstmals frei. Diese bestand aus wenig mehr als einer ca. 80 x 40 m großen Freifläche mit umlaufenden Säulengängen, sog. Portiken und wahrscheinlich einem kleinen Tempel (Abb. 2). Die Anlage selbst wird zwar schon im Jahre 70 n. Chr. bestanden haben, wurde aber zuletzt gute 300 Jahre später vom Militär als Steinbruch genutzt. Versetzen wir uns zurück in die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. Der von monumentalen Säulengängen eingefasste Platz wird bereits seit Jahrzehnten für Märkte und Versammlungen genutzt. Die große Freifläche belegten zeitweise fahrende Händler mit ihren Ständen, wo Erzeugnisse verschiedenster Art erstanden werden konnten. In den Säulengängen fanden auch Standbilder von Gottheiten, Kaisern und/oder Feldherren einen Platz und gehörten somit in gewisser Weise zum Mobiliar der Anlage. Aus welchen Gründen auch immer kam es um 150 n. Chr. zu einem großen Feuer – ob Unvorsichtigkeit, Blitzschlag oder andere Ursachen eine Rolle spielten, lässt sich nicht mehr feststellen. Der Brand vernichtete jedenfalls einen großen Teil des südlichen Säulengangs und begrub verschiedene Standbilder unter Schutt und Asche.

Bis heute folgt einem Schadfeuer ein konsequentes Auslesen des Brandschuttes: Der Ort der Katastrophe wird wieder aufgesucht, Brauchbares wie z. B. Metall oder emotional aufgeladene Objekte werden geborgen und wiederverwendet – jeder von uns kennt die Bilder von Menschen zwischen qualmenden Trümmern, die in Kriegs- oder Waldbrandgebieten in zerstörten Häusern nach Habseligkeiten suchen (Abb. 3, Foto AFP). Abgesehen von den Belastungen der Betroffenen erfolgt mit einem mehr oder weniger konsequenten Auslesen des Schutts aber auch eine erste Vorbereitung für die weitere Nutzung: In Zeiten, in denen noch ohne Zuhilfenahme von Maschinen gearbeitet werden musste, wurde Unbrauchbares an Ort und Stelle einplaniert, um möglichst wenig Material bewegen zu müssen. Dass beim erwähnten Auslesen auch einiges übersehen bzw. nicht wiedergefunden wurde, sollte sich im vorliegenden Fall für archäologisch Tätige als besonderes Glück erweisen.

Im Brandschutt der Katastrophe fanden sich u. a. ein nahezu unversehrt gebliebener Flügel aus Bronze (Abb. 4). Im römischen Götterhimmel gab es nur eine Gottheit mit größeren Flügeln: die Siegesgöttin Victoria. Das Fundstück lässt demnach auf eine knapp unterlebensgroße Bronzestatue dieser Göttin schließen.
Nach Abschluss der Grabungen im Jahr 2017 begann ein zeitaufwändiger Prozess, der von der Restaurierung des Objekts über die bildwissenschaftliche Recherche bis hin zu naturwissenschaftlichen Untersuchungen viel Zeit in Anspruch nahm (und nimmt).

Die römische Siegesgöttin ist uns von verschiedenen Sujets bekannt. Lange vor der Kaiserzeit wurde die Göttin auch auf sog. Victoriatus-Münzen abgebildet: Auf der Rückseite versieht sie ein Feldzeichen als temporäres Denkmal für einen Sieg mit einem Lorbeerkranz. Seit Kaiser Claudius (41 – 54 n. Chr.) ist sie die Schutzgöttin der Herrscher. Kunsthistorisch Bewanderten ist die überlebensgroße Bronzestatute der Victoria von Brescia ein Begriff, die 1826 gefunden wurde und die Göttin zeigt, wie sie mit der rechten Hand einen verlorenen Schild beschriftet (Abb. 5). Die Flügel, die sekundär angebracht wurden, wirken entspannt und hängend – aber in gewisser Weise auch einem Fremdkörper gleich.

Etwas jünger ist die Victoria von Calvatone, die 10 Jahre später nahe Cremona gefunden wurde. Die Figur scheint wie auf einem Globus zu schweben. Die mädchenhafte Erscheinung ist geprägt von einer Leichtigkeit, die sich bis in die Flügelspitzen fortsetzt (Abb. 6). Eine Inschrift erinnert an die Siege Marc Aurels und Lucius Verus‘ gegen die Parther. Zahlreiche Teile wie der linke Arm und das linke Bein, aber auch die Flügel wurden ergänzt, nachdem trotz intensiver Suche keine weiteren Fragmente gefunden werden konnten. Mittlerweile steht die gut 1,70 m hohe Statue in der St. Petersburger Eremitage. Das Motiv ist in der griechischen Kunst schon Jahrhunderte früher verbreitet. Besonders bekannt ist eine der wenigen rundplastischen Darstellungen der griechischen Siegesgöttin Nike, die um 420 v. Chr. von Paionios von Mende geschaffen wurde. Die überlebensgroße Figur aus parischen Marmor diente wiederholt als Vorlage für Statuen verschiedener Größe und unterschiedlichen Materials. Mit Augustus gewann das Motiv in der Bildsprache der frühen römischen Kaiserzeit zunehmend an Bedeutung.

Vergleicht man nun den Bregenzer Flügel mit diesen Kunstwerken der Antike, sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen. Der Ansatz, wo der Bregenzer Flügel am Torso fixiert worden war, lässt sich wegen der Bruchstelle leicht erkennen und ähnelt viel eher jenem der Victoria von Calvatone als dem der Victoria von Brescia.
Die kunsthandwerkliche Ausführung des Bregenzer Flügels entspricht allerdings nicht jener der genannten Beispiele. Das Stück ist nahezu flach und weist nicht den aus der Natur bekannten, gewölbten Querschnitt eines Flügels auf. Im Zuge der Restaurierung, bei der auch Brandrückstände am Objekt stabilisiert werden konnten, kamen Details zum Vorschein, die auch die Rekonstruktion der Bearbeitungsschritte bei der Herstellung zulässt: Zunächst wurde eine offene Grundform mit einer Buntmetalllegierung gegossen und die Schwinge anschließend ausgeschnitten (Abb. 7). Details wie das Gefieder wurden in der Folge mit einem Werkzeug, das einem Kanaleisen heutiger Bildhauer entsprochen haben wird, ausgearbeitet. Ein genauer Blick kann eine detailliert gearbeitete Schauseite und eine weniger akkurat gestaltete Rückseite im Blickschatten des jeweiligen Betrachters ausmachen (vgl. Abb. 4).

Dies führt zu der Frage, wie wir uns die Bregenzer Victoria vorstellen könnten. Es wäre naheliegend, dass im Fundmaterial der Bregenzer Grabungen von 2016/17 noch weitere Fragmente vorhanden sind. Aber auch im Fundus des vorarlberg museum, das die Funde der Grabungen aus dem 19. Jahrhundert verwahrt, könnten Teile einer weiblichen Figur aus Bronzeguss zu finden sein. So sind im Laufe der gut 150-jährigen Ausgrabungs- und Forschungsgeschichte zum römerzeitlichen Bregenz immer wieder Fragmente von Bronzestatuen geborgen worden. Ihre konkrete Zahl lässt sich bis dato ebenso wenig nennen, wie sie einzelnen Figuren zugewiesen werden können. Um diese und andere Fragen zu beantworten, wird seit 2024 der Bestand im Rahmen eines Forschungsprojekts erschlossen. Mittlerweile steht fest, dass keine weiteren Fragmente der knapp unterlebensgroßen Bronzestatue zugewiesen werden können.
Gegenwärtig liegt der Flügel in der Ausstellung „Weltstadt oder so? Brigantium im 1. Jh. n. Chr.“ in einem Schaukasten und versinnbildlicht den Stand der Forschung: Das Objekt ist nach seiner Bergung zwar restauriert und im Museum zugänglich gemacht worden – die Frage, wie wir uns die Figur gesamtheitlich vorstellen könnten, bleibt aber unbeantwortet.
Konkretere Anhaltspunkte lassen sich in der römischen Kleinkunst finden. Kleinere Bronzestatuen von bis zu 40 cm Höhe waren wiederholt Teil der privaten Götter- und Ahnenverehrung in Kultschreinen, sog. Lararien. Dieser Kleinkunst lässt sich auch die sog. geflügelte Victoria aus Veleia zuweisen. Die Figur war wahrscheinlich Teil einer Gruppe am nordwestlichen Eingang zum Forum von Veleia und greift augenscheinlich das Motiv der geflügelten Nike von Paionios von Mende auf. Die Statuette wurde schon 1760 nahe Piacenza in einer römischen Kleinstadt gefunden. Es ist unklar, was sie in den Händen hielt.

Die bescheidenere Größe erforderte von den Bronzegießern zwar viel geringere technische Fertigkeiten, das Nacharbeiten für die feineren Details wie das Gefieder an den Schwingen, die Gestaltung der Haare usw. war dafür umso aufwendiger. Wie oben erwähnt, lässt sich diese Herangehensweise auch am Bregenzer Flügel feststellen, wenngleich er gut viermal so groß ist wie die erwähnte Statuette. Allem Anschein nach wurde der Flügel wie das gesamte Standbild von einer lokal bzw. regional tätigen Werkstätte hergestellt. Dem Objekt haftet damit eine gewisse Einfachheit an, die sowohl auf bescheideneres technisches Know-how als auch auf beschränktere finanzielle Möglichkeiten der stiftenden Person hinweist – beides nicht weiter verwunderlich für einen kleinen Zentralort wie das römische Bregenz in der vergleichsweise unbedeutenden römischen Provinz Raetien.
Heutzutage sind Statuen nicht nur Kunstobjekte, die zur Reflexion anregen, sondern auch ein Vehikel zur Pflege der Erinnerung an Personen und Ereignisse – denken wir etwa an die Bregenzer Denkmäler für Anton Schneider und Jodok Fink oder das Kriegerdenkmal. In der römischen Kaiserzeit kamen Statuen im öffentlichen Raum auch andere Aufgaben zu: Sie waren Ausdruck der Loyalität zum Herrscher und dienten wiederholt der Selbstdarstellung der Stiftenden, die sich als ehrwürdige Teile der Gesellschaft verstanden wissen wollten.
Autoren:
Karl Oberhofer
Aura Piccioni (Universität Trier, Klassische und Provinzialrömische Archäologie).
Literatur:
T. Hölscher, Victoria romana: Archäologische Untersuchungen zur Geschichte und Wesensart der römischen Siegesgöttin von den Anfängen bis zum Ende des 3. Jhs. n. Chr. (Mainz a. Rhein 1967).
LVR-Landesmuseum Bonn, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Museum Het Valkhof Nijmegen (Hrsg.), Gebrochener Glanz. Römische Großbronzen am UNESCO-Welterbe Limes [Ausstellung im LVR-LandesMuseum Bonn vom 20. März bis 20. Juli 2014, Limes Museum Aalen vom 16. August 2014 bis 22 Februar 2015, Museum Het Valkhof Nijmegen vom 21. März bis 21 Juni 2015] (Bonn 2014).
K. Oberhofer (unter Mitarbeit von Rudolf Adolf Göttlich), Ein Bronzeflügel aus dem Forum des römischen Bregenz. Zum Bearbeitungsstand eines Herausragenden Neufundes, Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins, Freunde der Landeskunde 2019, 98–113.