Ein Zuhause aus Holz, Stein und Lehm – Die Casa Retica in Rankweil

Die Gemeinde Rankweil nimmt im Vorderland einen verkehrstopografisch sehr interessanten Standort ein. Zwischen dem Eingang in den Walgau im Süden und dem Sattelberg bei Klaus im Norden gelegen, konnten von dieser Position seit jeher mehrere Wege Richtung Süden, Norden und Osten eingesehen festgestellt werden. Die Lage in Kombination mit dem günstigen Klima und den ertragreichen Böden macht den Ort zu einem geeigneten Siedlungsraum. Es verwundert daher nicht, dass hier Spuren menschlicher Aktivität bereits seit der Urgeschichte nachgewiesen werden konnten.

Abbildung 1: Orthofoto der Region Vorderland mit der lokalisierten Fundstelle und den umliegenden Gemeinden. (Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Landestopografie – geo.admin.ch 2024, Grafik: T. Praprotnik 2024)

Auf dem markanten und für das Rheintal typischen Inselberg, dem Liebfrauenberg im Zentrum Rankweils, werden seit den 1940er Jahren immer wieder einzelne Funde und fundführende Schichten dokumentiert. Die urgeschichtliche Nutzung reicht vermutlich von der Jungsteinzeit über die Bronzezeit bis in die Eisenzeit. Durch spätere Überbauung sind etwaige Siedlungsbefunde allerdings mit größter Wahrscheinlichkeit zerstört. Umso erfreulicher ist es, dass 2016 bei einer Grabung in der Montfortstraße, nur etwa 400 m nördlich des Liebfrauenberges, unter anderem die Überreste eines eisenzeitlichen Hauses vom Typus Casa Retica (dt. „rätisches Haus“) entdeckt wurden.

Abbildung 2: Orthofoto des Ortskerns der Gemeinde Rankweil mit der lokalisierten Fundstelle. (Land Vorarlberg, Landesamt für Vermessung und Geoinformation – vogis-cnv.at/atlas 2024, Grafik: T. Praprotnik 2024)

Etwas mehr als einen Meter unter dem heutigen Gehniveau in der Montfortstraße legten Archäologinnen und Archäologen eine eisenzeitliche Schicht (Eisenzeit: 800–15 v. Chr.) frei. Diese Schicht enthielt nicht nur Fundmaterial, es kamen zudem auch mehrere Strukturen zutage. Insgesamt konnten sechs Gebäude rekonstruiert werden. Bei fünf davon handelt es sich um Holzbauten, die sich bei der Grabung durch Pfostenlöcher und Balkengräben im eisenzeitlichen Nutzungshorizont zeigten. Eine zunächst nur als Steinreihe sichtbare Struktur entpuppte sich bei näherer Untersuchung allerdings als Teil einer wesentlich tiefer reichenden Trockenmauer.

Abbildung 3: Überblick über die Grabungsfläche. Im Hintergrund Basilika und Liebfrauenberg. (Talpa 2016)

Die aus Bachsteinen aufgebaute Mauer war Teil eines 2,5 m tiefen Kellerraumes. Für den Bau wurde eine Baugrube ausgehoben. Die Wände wurden trocken aufgemauert und mit kleinteiligem Material hinterfüllt. Zur Innenseite des Raumes war den Mauern jeweils eine in den Boden eingelassene Steinreihe vorgelagert. Auf diesem Auflager lagen Holzbalken, die wahrscheinlich Teil einer Holzverkleidung vor der steinernen Mauer waren. Der Boden bestand aus gepresstem Sand. Der Raum war quadratisch und hatte eine Seitenlänge von 4,60 m.

Abbildung 4: Die Casa Retica von Nordosten fotografiert. (Talpa 2016)

Ein Feuer scheint das Gebäude nach der ersten Nutzungsphase zumindest teilweise zerstört zu haben. Dieses Ereignis zeigte sich durch eine Schicht aus einplaniertem Brandschutt oberhalb des Bodens. Nur die Steinmauern, die den Raum umschlossen, hatten das Feuer überstanden. Unklar bleibt, wie der Raum während der ersten Phase betreten wurde. Nach dem Brand wurde der Zugang jedenfalls umgestaltet. Die westliche Mauer wurde teilweise abgetragen. Die südliche Mauer wurde verlängert und eine weitere Mauer im Westen errichtet. So entstand ein 1,10 m breiter Gang zwischen ursprünglicher und neuer Westmauer. Durch eine weitere Mauer, die im rechten Winkel zum Gang verlief, entstand eine kleine Nische. Die neu errichteten Abschnitte waren auf dieselbe Weise aufgebaut wie die Mauern der ersten Phase und bestanden ebenfalls aus Bachsteinen. Zusätzlich war stellenweise ein Verputz aus rot verziegeltem Lehm erhalten geblieben, der direkt auf die Steine des Mauerwerks aufgetragen worden war.

Aus der westlichen Wand des Zugangs ragte eine Steinreihe hervor. Diese lief schräg nach unten auf einen aus Stein und Erde bestehenden Sockel zu. Auf der Westmauer der ersten Phase und dem zugehörigen Balkenauflager wurde eine weitere Steinmauer errichtet. Darauf lag ein Holzbalken, der Teil einer Holzverschalung für den Erdsockel war. Die schräge Steinreihe in der Westmauer trug wahrscheinlich eine hölzerne Rampe oder Treppenkonstruktion, die auf den Sockel führte. Von dort verlief eine weitere kleine Holztreppe Richtung Osten in den Raum.

Abbildung 5: Umbau der zweiten Phase von Osten fotografiert. Links Stein-Erd-Sockel, hinten Mauer mit vorragender Steinreihe. (Talpa 2016)

Der Boden bestand wiederum aus einer Schicht von gepresstem Sand und lag direkt über dem einplanierten Brandschutt. Flache Steinplatten in diesem Boden bildeten das Fundament für einen Steher. Dieser trug den Fußboden des Geschosses über dem Keller.

Ob das Untergeschoss direkt vom darüber liegenden Raum oder von draußen betreten wurde, bleibt offen. Das Obergeschoss dürfte in Holzbauweise, wahrscheinlich als Ständer- oder Blockbau, errichtet worden sein. Die Wände standen wahrscheinlich direkt auf den Mauern des Kellers.

Durch ein weiteres Brandereignis wurde das Haus endgültig zerstört. Die geringe Anzahl der Funde in dem Kellerraum lässt darauf schließen, dass das Gebäude zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen oder kurz zuvor ausgeräumt worden war. Direkt über dem Fußboden wurden lediglich einige Keramikfragmente, sowie zwei Bronzefragmente gefunden. Mehr Fundmaterial stammt aus der Nische, die von den Mauern und dem Sockel des Kellerzugangs gebildet wurde. Aus diesem Bereich konnten unter anderem zwei Bernsteinstücke, eine Fibel, ein Fibelfragment, ein Doppelkettchen aus Bronze sowie sechs Glasperlen geborgen werden. Die Nähe, in der die Perlen zueinander lagen, deutet darauf hin, dass sie ursprünglich Teil einer einzigen Kette waren.

Abbildung 6: Glasperlen. Aus der Nische unterhalb des Kellerzugangs geborgen. (T. Praprotnik 2017)

Die Bauweise des Gebäudes vereint wesentliche Merkmale, welche Renato Perini 1967 für seine Definition der typischen Hausform der Fritzens-Sanzeno-Kultur, der Casa Retica, verwendete:

Die Häuser sind unterschiedlich tief, meist in eine Hangsituation eingetieft. Trockenmauern werden direkt gegen die Baugrube gesetzt und oft mit kleinteiligem Material hinterfüllt. Vom höheren Außenniveau wird der Innenraum über einen abfallenden, verwinkelten Korridor oder eine Treppe betreten. Der Bau beinhaltet oft in die Trockenmauern eingelassene hölzerne Steher, die eine hölzerne Wandkonstruktion auf den steinernen Mauern tragen. Diese Steher werden auf Steinplatten gestellt (hierzu bspw.: M. Staudt, Ein rätisches Haus in Wenns, Tirol. FÖ 49, 2010 (2011), 145 – 162. Besonders 151 Abb. 9). Der Innenraum wird durch Flechtwerk- oder Holzwände getrennt.

Abbildung 7: Die Casa Retica von oben fotografiert. (Talpa 2016)

Das Kerngebiet der Fritzens-Sanzeno-Kultur liegt im Inntal, in Südtirol und im Trentino. Das Haus in Rankweil liegt am Rande des bisher bekannten Verbreitungsgebiets dieses Haustyps, kann aber aufgrund der baulichen Eigenschaften eindeutig als Casa Retica angesprochen werden.

Die Reste der verkohlten Holzbalken wurden mithilfe der Radiocarbonmethode datiert und ergaben ein kalibriertes Datum von 540–388 v. Chr. Der Umbau der zweiten Phase des Hauses fand also am Übergang von der späten Hallstattzeit (Ha D, 620–450 v. Chr.) zur frühen Latènezeit (Lt A, 450–380 v. Chr.) statt.

Abbildung 8: Balkenauflager mit verkohlen Holzresten. (Talpa 2016)

Die Casa Retica zeugt von der Siedlungsaktivität am Talboden des Vorderlandes während der Eisenzeit. Zeitgleiche Aktivität – möglicherweise eine weitere Siedlung – auf dem Liebfrauenberg erscheint wahrscheinlich. Ob es sich um ein einzelnes Haus dieses Typs handelte oder ob in näherer Umgebung weitere standen, muss vorerst ungeklärt bleiben.

Autor: Thomas Praprotnik, Archäologe beim Archäologischen Dienst Graubünden

Literatur:
R. Perini, La casa retica in epoca protostorica. Stud. Trentini Scien. Naturali 44, 2/1967, 38–56.
M. Staudt, Ein rätisches Haus in Wenns, Tirol. FÖ 49, 2010 (2011), 145 – 162.

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