Der Verfasser ist weder der Ausgräber noch der „Entdecker“ des hier präsentierten Fundobjektes. Aus mehreren Gründen scheint es aber interessant, die „Destillierglocke“ in diesem Rahmen vorzustellen.
Einerseits ist die Diskussion, was denn nun in den Museumsdepots sehr kostenintensiv für zukünftige Generationen aufbewahrt werden soll, oder ob nicht viel stärker selektioniert werden müsste, so alt (oder so aktuell) wie die Museen selbst. Wäre unser Objekt vielleicht aus solchen aktuellen Überlegungen heraus als „verdächtig“, als „nicht römisch“ und als „nicht in direktem Grabzusammenhang“ stehend aussortiert worden? Andererseits versuche ich als „Museumsmensch“ seit geraumer Zeit nicht nur die wissenschaftlichen Fakten über die einzelnen Objekte zu vermitteln, sondern auch die Geschichten hinter ihnen.
Und diese eine ist durchaus erzählenswert. Das 35 cm hohe Gefäß wird 1907 vom damaligen Direktor des Landesmuseums, Carl von Schwerzenbach, und dem seit Anfang des selben Jahres im Museum angestellten Verwaltungsbeamten Adolf Hild (laut einer handschriftlichen Notiz ist er selbst beim Aushub dabei) im Gräberfeld von Brigantium ausgegraben. Kurze Zeit später werden sämtliche Funde dieses Jahres – wiederum von Adolf Hild – akribisch in die dafür vorgesehenen handschriftlichen Inventare eingetragen. Nicht ohne Stolz vermerkt er Jahre später in einem Schreiben vom 10. 4. 1940 an den Reichstatthalter in Tirol und Vorarlberg über seine Tätigkeit im Landesmuseum „[Diese] lag hauptsächlich auf dem Gebiete der Vor- und Frühgeschichte Vorarlbergs, mir oblag die Verwaltung der kulturgesch. Sammlungen (auch Einkäufe, Expertisen usw.), ich habe Inventare der Sammlungen angelegt, wie sie, ohne Ueberheblichkeit gesagt, nur ganz grosse Museen besitzen usw.“ Verwunderlich, dass sich in diesen von besagtem Fundobjekt keine Spur finden lässt.
1910 bzw. 1911 werden die Grabungsergebnisse dann von Carl von Schwerzenbach und Johannes Jacobs unter dem Titel „Die römische Begräbnisstätte von Brigantium. II. Bericht über die Ausgrabungen der Jahre 1907–1910“ im Jahrbuch für Altertumskunde IV, 1910, S. 33-66 und (unverändert) im Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 1911, S. 23-73 publiziert. Hier findet sich nun überraschend auf S. 42 eine ausführliche Beschreibung ergänzt durch eine Abbildung: „Grab 634a 60 cm tief; 35 cm hohes mörserartiges Gefäß (Fig. 7) mit spitzem, einem Zwiebelknopf ähnlichen Fuß; der Rand greift nach innen tief über und hat einen kleinen Ausguß aus hellgelbem körnigen Ton. Die Außenseite ist schön dunkelgrün, das Innere gelb glasiert. Die Glasur ist nur teilweise etwas zersetzt. Das Gefäß stand gerade, ganz für sich allein mit der Spitze nach unten im Boden, ohne Knochenspuren. Ein auch nur annähernd ähnliches Stück ist uns nicht bekannt; römische Provenienz sehr unsicher.“ Michaela Konrad „Das römische Gräberfeld von Bregenz – Brigantium I. Die Körpergräber des 3. bis 5. Jahrhunderts mit einem Beitrag von B. Overbeck, München 1997 (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 51)“ erwähnt auf Seite 227 das Fundstück ein weiteres – und letztes – Mal („Aus dem Bereich des Grabes konisches glasiertes Gefäß mit Ausguß und zwiebelförmigem unterem Abschluß, Mittelalter oder Neuzeit“).




Von dem Gefäß existieren also 2 Zeichnungen und 2 Beschreibungen in 2 ziemlich speziellen Jahrbüchern (das Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins war damals wie heute eine Gabe für die Vereinsmitglieder; ein Schriftentausch mit „verwandten“ Institutionen vor allem im deutschen Sprachraum fand ebenfalls schon statt; das Jahrbuch für Altertumskunde ist überhaupt nur von 1907 bis 1913/18 erschienen). Zufällig „stolpert“ fast 100 Jahre später der promovierte Chemiker und Mittelalterarchäologe Peter Kurzmann (http://www.arche-kurzmann.de/) über diese für ihn doch etwas fachfremden Publikationen zu provinzialrömischen Gräbern in Brigantium, der „Weltstadt oder so“ am fernen Bodensee. Und siehe da: Das merkwürdige Objekt entpuppt sich als sehr gut erhaltene mittelalterliche Destillierapparatur. Europaweit sind derzeit ca. 30 Exemplare bekannt. Nach der Erstpublikation (Kurzmann, Peter: Die Destillierglocke von Bregenz, in: Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 1998, S. 35-45) diente sie auch als Vorbild für einen modernen Nachbau und für „experimentelle Archäologie“ um Destillationen nach alten Rezepturen durchzuführen. Letztendlich wurden diese Destillationsversuche in einer Monographie publiziert (Peter Kurzmann, Die Destillation im Mittelalter, Schloss Hohentübingen 2000).

Gerhard Grabher, stellvertretender Direktor des vorarlberg museum und Kurator für Archäologie