In unserer schnelllebigen Zeit sind geschichtliche Zeiträume, Abläufe und die Entwicklung von Geräten über Jahrtausende hinweg für Kinder und Jugendliche (immer öfter auch für Erwachsene) kaum mehr nachvollziehbar. In vielen Workshops im vorarlberg museum wird deshalb gerne eine Zeitkette (Abb. 1) verwendet, die mit jeweils 1 Holzkugel je 100 Jahre auch längere Zeiträume gut abbildet. Durch unterschiedliche Farben der Kugeln ist es auch möglich, die bekannteren Epochen der Kulturgeschichte darzustellen: Naturfarbe = Steinzeit, Altrosa = Bronzezeit, Violett = Eisenzeit, Rot = Römerzeit, Grün = Mittelalter, Blau = 16./17., Türkis = 19./20. Jh., Gelb = 21. Jh.

2022 veröffentlichten Elvira Flora und Claudia Schwarz das (Kinder-)Buch „Vorarlberg erzählt“. Kleine Geschichten über und mit Schlüsselobjekten aus den Sammlungen des Museums, die auf eben dieser Zeitkette aufgereiht sind, sollen helfen, Abläufe und Ereignisse einzuordnen und zu erklären. Neugierde, Erzählfreude und Unterhaltung inklusive.
Im Frühjahr 2024 wurde vom Team der Kulturvermittlung und dem Kurator für Archäologie begonnen, dieses Grundkonzept für eine Ausstellungsreihe weiterzuentwickeln. Dem Zeitfenster „Von Hand gemacht“ soll 2026 „Gedankenwelten“ und 2027 „Von Ort zu Ort“ folgen. Eine Zeitfenster-Ausstellung besteht aus jeweils vier großen Vitrinen und einer Großprojektion, Hörstationen und einem Hands-on-Tisch.

Für die ersten Zeitfenster bot sich das Thema Handwerk geradezu an. Holzbearbeitung, Keramikherstellung, Textilproduktion und Metallverarbeitung sind der Menschheit schon sehr früh bekannt. Die Formulierung „schon sehr früh“ ist dabei eine sehr vereinfachte Umschreibung für eine doch komplexere Wirklichkeit. Während erste Steingeräte (Pebble Tools) schon vor mehr als 2,5 Millionen Jahren von den Vorfahren des Homo Sapiens verwendet worden sein dürften, datieren die frühesten Textilüberreste 30.000 Jahre und die früheste Keramik ca. 18.000 Jahre vor Heute. Noch jünger sind die ersten metallischen Gerätschaften (vor 10.000 Jahren). Diese Zeiträume lassen sich auch mit dem praktischen Instrument der Zeitkette nicht mehr darstellen.
Seit ihrer „Entdeckung“ und Nutzbarmachung unterliegen Geräte einem vorerst sehr langsamen, aber stetigen Weiterentwicklungsprozess. Erst die Entwicklungen in den letzten 150-200 Jahre sind von einem extrem hohen Tempo und Innovationssprüngen geprägt. Eine heute auf den Markt gebrachte hochentwickelte Maschine kann morgen schon veraltet, zu wenig effizient, unproduktiv sein. Diese Prozesse versucht das Ausstellungsteam mit Originalen, Fotografien und einfachen „sprechenden“ Illustrationen nachvollziehbarer zu machen. Auf lange Texte wird bewusst verzichtet.



Ein paar Beispiele: In der Vitrine „Holzbearbeitung“ (Abb. 2) sind auch nachweislich nachgearbeitete Feuersteinklingen (Abb. 3) ausgestellt. Sie finden sich neben einfachsten geschliffenen, ab und an schon durchbohrten Steinbeilen (Abb. 4). Erst mehrere tausend Jahre später sind mit Kupfer und Zinn die Metalle entdeckt, die zu Bronze legiert (Abb. 5), den Steinbeilen weit überlegen sind. In den folgenden Jahrhunderten erlangten die Menschen Kenntnisse über Eisenerzabbau, Eisenverhüttung und Eisenbearbeitung. Damit ging eine Ausdifferenzierung der Werkzeuge einher: z.B. verwendete der römische Legionär bei Schanzarbeiten die dolabra, die in einem Gerät Axt (senkrechte Schneide) und Hacke (waagrechte Schneide) kombiniert; z.B verwendet der Zimmermann für das Zurichten der Balken und Bretter ein Beil mit einer einseitig geschliffenen, wesentlich längeren Klinge mit kürzerer Schäftung. Eine noch weitreichendere Veränderung in der Entwicklungsgeschichte kann von den Sägewerkzeugen erzählt werden. Bekannt wohl schon in der Mittelsteinzeit wird innerhalb von knapp 500 Jahren aus einer einfachen Säge eine Waldsäge, ein Fuchsschwanz, eine Spannsäge, eine Kreissäge und letztendlich eine Elektromotorsäge mit wieder aufladbarem Akku.




Die mit teilweise billigst produzierten Kleidungsstücken übervollen Regale der Supermärkte und Internetanbieter vermitteln heute v.a. den jüngeren Konsumenten*innen eine grundlegend falsche Vorstellung. Textilherstellung sei schon immer einfach und selbstverständlich maschinell geprägt gewesen. Die entsprechende Pflege eines Kleidungsstückes bedeutet heute einen viel zu hohen Arbeitsaufwand gegenüber einer Neuanschaffung. Bedächte der Konsument, die Konsumentin allerdings, dass die seit dem 6. Jahrtausend vor Christus verwendete Handspindel zum Verspinnen von Fasern zu Garn in Mitteleuropa erst im 13. Jh. durch das Spinnrad (Abb. 8) ersetzt wurde und im 18. Jh. primitive Maschinen diese Handarbeit übernahmen, wäre er oder sie eventuell vorsichtiger beim Kauf oder im Umgang mit Kleidung. Zusätzlich musste ja vor dem Spinnen der natürliche Rohstoff, wie Flachs für Leinen, zuerst einmal angebaut, geerntet und in mehreren oft zeitintensiven und kraftkostenden Arbeitsschritten vorbereitet werden. Das Weben eines Stoffes an einem einfachen Webstuhl, das Färben und die Weiterverarbeitung mit Nadel (Abb. 9) und Zwirn mussten ebenfalls in den Preis des Kleidungsstückes eingerechnet werden. So gesehen bekommt für manche Besucher*innen die Praxis, dass früher einmal Kleidungsstücke der älteren Geschwister den jüngeren und dann den noch jüngeren vererbt wurden, eine etwas andere Bedeutung.

Im Zuge der wissenschaftlichen Bearbeitung der 115 ausgestellten Objekte wurden neben den „technischen“ Informationen (Datierung, Fundort, Herkunft, Material etc.) – nicht immer erwartet – auch viele kleine, manchmal kuriose, manchmal überraschende „Hintergrundgeschichten“ recherchiert. Es stellte sich beispielsweise heraus, dass der ausgestellte Fuchsschwanz (Abb. 10) aus einer beschädigten Waldsäge recycelt worden ist. Der Holzgriff wurde mit zwei Schrauben am Sägeblatt befestigt. Als Beilagscheiben verwendete man zwei durchbohrte österreichisch-ungarische Kleinmünzen (2 Filler geprägt 1908 und 2 Heller geprägt 1904). Abgesehen von der sehr menschlichen Praxis Vorhandenes zweckentfremdet wiederzuverwenden, sind beide Bronzemünzen für die zeitliche Einordnung der „Reparatur“ besonders wertvoll (Terminus post quem: nach 1908).
Ein grün glasiertes, glockenförmiges Tongefäß (https://ausgegraben.at/2024/02/07/das-museumsdepot-als-fundgrube/), schon 1907 im Gräberfeld von Brigantium gefunden und dem Ausgräber ein Rätsel, entpuppte sich als mittelalterliche Destillierglocke. Ob die Apparatur über 1000 Jahre nach dem Belegungsende des Gräberfeldes durch Zufall oder mit Absicht mit der Spitze nach unten aufrechtstehend, zwischen dem Palais Thurn und Taxis und dem Bundesgymnasium Gallusstraße deponiert worden ist, wäre eine noch zu erzählende Geschichte. Beispielsweise ist einer der drei in Lauterach gefundenen Spitzwürfelbarren besonders geformt. Ein Ende ist ungewöhnlich lang ausgezogen. Für den Transport und die Lagerung des Barrens ist dies eher hinderlich denn nützlich. Vielleicht wurde er also nach ersten Schmiedeversuchen aus uns unbekannten Gründen „deponiert“.
Die Vielzahl der entdeckten Geschichten, die aber in vier räumlich begrenzten Vitrinen unmöglich erzählt werden können, veranlasste das Ausstellungsteam eine digitale Präsentation für das Internet anzudenken und vorzubereiten. Noch ist allerdings die Finanzierung nicht zur Gänze gesichert. Aber es besteht zumindest Hoffnung.
Autor: Gerhard Grabher, Archäologe und stv. Direktor des vorarlberg museum