Stuben und Gruben – Archäologie und Bauforschung in der Propstei St. Gerold

Die Gemeinde St. Gerold im Großen Walsertal blickt auf eine lange Geschichte zurück, die mit der im 9. Jahrhundert erwähnten Siedlung „Friesen“ (im Originaltext des Churrätischen Reichsgutsurbars von 842/843 „frasune“) beginnt. Vermutlich ab dem 10. Jahrhundert bildet sich dort ein religiöses Zentrum, das mit der Propstei St. Gerold noch heute besteht. Die Legende des Heiligen Gerold, der sich in der Abgeschiedenheit des Tales eine Einsiedelei errichtete, bildet den erzählerischen Boden, auf dem das Kloster bis heute seine Tradition begründet.

Seit 2014 führt die Propstei umfassende Sanierungsarbeiten an Haupt- und Nebengebäuden durch. Zwischen 2021 und 2023 erfolgten im Rahmen der Sanierung des Hauptgebäudes umfangreiche archäologische und baudenkmalpflegerische Untersuchungen.


Die archäologischen und baudenkmalpflegerischen Arbeiten umfassten die Erstellung von Untersuchungskonzepten, die fachliche Begleitung der Bauarbeiten, den Aus- und Rückbau von Bauteilen, die Erstellung von Sondierungsgräben und -flächen, sowie die anschließende fachgerechte Dokumentation. Die Synthese aus Bauforschung und Archäologie führte zu einem wesentlichen Wissensgewinn über die Bau- und Nutzungsgeschichte des Klosters. Diese konnte in einen Baualterplan übersetzt werden, auf dem die Entwicklung des Klosterensembles anhand der farbig gehaltenen Phasen nachvollziehbar wird (Abb.1).

Abb.1: Baualterplan St. Gerold, Erdgeschoß (Kartengrundlagen: R. Rhomberg 2022; Plankorrektur R. Hinterwaldner 2024; Baualterkartierung: L. Holzer 2024 unter Einarbeitung von K. Pfeifer / R. Rhomberg 2022)

Die Klosterkirche wurde bereits durch Elmar Vonbank in den 1960ern untersucht, der das ehemals mit einer Apsis (halbkreisförmiger Altarraum) ausgestattete Gebäude in die Romanik (11./12. Jahrhundert) datierte, die im 17. Jahrhundert mit einem Rechteckchor erweitert wurde. Südlich des Kirchengebäudes wurden im Rahmen der jüngsten Untersuchungen neben einem mittelalterlichen Grubenhaus, also einem einfachen in die Erde eingetieften Holzgebäude, auch zwei Gussgruben nachgewiesen, welche die bisher ältesten Nutzungshinweise des Areals südlich des Kirchengebäudes darstellen. Sie wurden angelegt, noch bevor der Kreuzgang der Probstei errichtet wurde, der sich heute noch in den Gängen des Hauptgebäudes abzeichnet. Das Grubenhaus könnte als Werkstatt genutzt worden sein, während die beiden Gussgruben die Rückstände eines Bronzegussvorganges sind, bei dem vermutlich die mittelalterlichen Glocken der Klosterkirche hergestellt wurden.

Abb.2: Blick in die Prunkstube „Adam-Heer-Zimmer“ (Context 2022)

Seit dem Mittelalter entwickelte sich das Kloster zu einem ansehnlichen Gebäudekomplex. Speziell in den Obergeschoßen machte sich dessen Repräsentationskraft auch in der Gebäudeausstattung bemerkbar. Neben einer Prunkstube aus dem 17. Jahrhundert (Abb.2) und einer Stuckgestaltung aus dem 18. Jahrhundert fanden sich Decken- und Wandbemalungen aus dem 16.-17. Jahrhundert (Abb.3).

Abb.3: Schablonenmalerei an der Decke eines Raumes im 2.OG (Context 2023)

Zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert errichtete die Propstei dem Heiligen Gerold ein opulentes Hochgrab, welches mit Reliefs geschmückt war (Abb.4). Von diesem ist heute nur noch die Grabplatte vorhanden, die als Kenotaph (ein Grab ohne zugehörigen Leichnam) in der heutigen Krypta zu sehen ist. Diese wurde in den 1960ern errichtet und dient seither als Ort der Andacht.

Abb.4: Das spätgotische Hochgrab von St. Gerold in der noch historistisch ausgestatteten Klosterkirche (Archiv Einsiedeln, KAE.F3.0.04110.005, KAE.F6.33.0063)

Im Frühling 2026 wurde die Krypta des Klosters barrierefrei gestaltet, was wiederum zu Bodeneingriffen in einem sensiblen Bereich der Propsteikirche führte. Der ehemalige Rechteckchor, der in den 1960er Jahren zu einem Vorraum für den Abgang in die Krypta umgebaut wurde, war ehemals der Altarraum der Kirche (Abb.1). Hier wurden für gewöhnlich prominente Personen des Ordens oder der Klostergemeinschaft bestattet. Und tatsächlich wurde nun ein Skelett aufgedeckt, welches fast mittig im ehemaligen Rechteckchor bestattet wurde (Abb.5, 6). Mit den Bauarbeiten der 1960er verlor das Individuum seinen Kopf – durch den Beton für die Stützmauer ist der Schädel des Verstorbenen nicht mehr zu erkennen, sein Unterkiefer blieb wie der Rest des Körpers erhalten (Abb.7).

Abb.5: Plandarstellung der romanischen Kirche (blau) und des Rechteckchors aus dem 17. Jahrhundert (hellgrün). Position der Bestattung fast zentral im ehemaligen Rechteckchor (Kartengrundlagen: R. Rhomberg 2022; Befundkartierung: R. Hinterwaldner 2026)
Abb.6: Das bestattete Individuum der Untersuchungen 2026 (Context 2026)

Aufgrund der fehlenden Beigaben und der recht formlosen Bestattung in einem rechteckigen Holzsarg, der sich noch als Abdruck im Sediment abzeichnete, ist die genaue Datierung des Grabes schwierig. Ein zwingender Bestattungszeitraum ergab sich aus der nachgewiesenen Erweiterung des Chores um 1661 (Rhomberg 2015; Pfeifer 2015) und der Umnutzung des Chores in den 1960ern. In diesen Zeitraum fällt natürlich eine große Anzahl von Todesfällen in der Propstei. Dennoch schränkt sich der Kreis der möglichen Personen aufgrund des markanten Bestattungsortes auf einen Propst oder ein anderes wichtiges Mitglied der Ordens- und Kirchengemeinde ein.

Abb.7: Detailaufnahme des abgetrennten Schädels. Erhalten hat sich der Unterkiefer, der verdreht am Beton anhaftet (Context 2026)

Nach der Durchsicht des Klosterarchivs wurde klar, dass die meisten Pröpste nach ihrem Tod seit dem 17. Jahrhundert zurück in ihre Heimat überführt und dort bestattet wurden. Jene befand sich in der Regel in der Schweiz, da das Kloster Einsiedeln seit dem Mittelalter Mutterkloster von St. Gerold ist. Eine Ausnahme war für den fraglichen Zeitraum zwischen dem Ende des 17. Jahrhunderts und dem Beginn des 20. Jahrhunderts nur mit einer Person gegeben, die wichtig und gleichzeitig unerwünscht genug war, nicht mehr an ihren Herkunftsort oder in das Stift Einsiedeln rücküberführt worden zu sein.

Hierbei könnte es sich um Chrysostomos (Franz Karl) Stadler von Rothenthurm (Kanton Schwyz) handeln. Er starb 1721 in St. Gerold, über den genauen Bestattungsort ist nichts bekannt – als Propst der Propstei dürfte er jedoch an einem prominenten Ort bestattet worden sein. Der Grund für seinen Verbleib in St. Gerold könnte seine Rolle in der Opposition gegen die Aristokratie in der Schweiz gewesen sein, deren Anführer sein Bruder Joseph Anton Stadler war. Dieser wurde 1708 enthauptet, worauf Franz Karl das Kloster Einsiedeln zunächst nach Eschenz verlassen musste. Nachdem er auch dort nicht mehr erwünscht war, wurde er nach St. Gerold geschickt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihm aus diesen Gründen die posthume Rückkehr in seine Heimat Rothenthurm verwehrt blieb und er daher in St. Gerold bestattet wurde. Mit letzter Sicherheit könnte diese Annahme nur mithilfe einer Genanalyse verifiziert werden.

Jeder der genannten Schauplätze verdeutlicht auf seine Weise, wie sich die Geschichte eines Gebäudes unterschiedlich offenbaren kann. Durch Schriftquellen, die alte Bausubstanz, Einrichtungsstücke und archäologische Befunde formt sich das historische Bild einer kleinen Lebenswelt im Walsertal, die auch im größeren Gefüge der Landesgeschichte und darüber hinaus verankert ist.

Laura Holzer, Archäologin und Kunsthistorikerin bei der Firma Context KG 

Quellen/Literatur:
Churrätisches Reichsgutsurbar: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Sammelhandschrift des Aegidius Tschudi mit der Abschrift des rätischen Reichsgutsurbars aus der Mitte des 9. Jahrhunderts, Cod. Sang. 609.
Pfeifer 2015: K. Pfeifer, Dendrochronologisch-bauhistorische Aspekte zur Baugenese im 16. und 17. Jahrhundert, unpubl. Untersuchungsbericht, Egg 2015.
Pfeifer 2022: K. Pfeifer, Dendrochronologische Sondierungsarbeiten. Abklärung von Bauphasen West- und Südtrakt, unpubl. Untersuchungsbericht, Egg 2022.
Rhomberg 2015: R. Rhomberg, Bericht Hauptgebäude C/Propsteitrakt, unpubl. Untersuchungsbericht, Dornbirn 2015.
Rhomberg 2022: R. Rhomberg, Propstei St. Gerold. Hauptgebäude C/ Propsteitrakt Hof (Kreuzgang), Dokumentation, unpubl. Untersuchungsbericht, Dornbirn 2022.


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