Die Notgrabung von 2018/19 ermöglichte trotz beengter Arbeitsbedingungen und großen Zeitdrucks umfassende Einblicke in die Nutzungsgeschichte des Friedhofs, die Entwicklung der Begräbnissitten, die religiösen Vorstellungen sowie die soziale Lebenswelt der Verstorbenen.
Anlass der Ausgrabungen stellten umfassende Umgestaltungsmaßnahmen im Bereich des Friedhofs dar. Bei einer routinemäßigen Begehung der Bauarbeiten in der Feldkircherstrasse entdeckte das Team der Archäologie menschliche Skelette im abgebrochenen Bereich der Friedhofmauer (Abb. 1). Die daraufhin eingeleitete Notgrabung dauerte mit kurzen Unterbrechungen von März 2018 bis März 2019. Streufunde, darunter Keramikfragmente, Terra Sigillata, Münzen, Eisenschlacke und Gusstropfen aus römischer und urgeschichtlicher Zeit, belegen die lange Nutzung des Areals. Bauliche Strukturen aus dieser Zeit sind aufgrund der starken Umlagerung des Bodens nicht nachgewiesen.

Dafür traten im Friedhof von Schaan während der mehrmonatigen Notgrabungskampagne 202 Gräber zutage. Sie spiegeln eine rund 1400-jährige Bestattungskontinuität wider. Damit zählt der Bestattungsplatz zu den am längsten genutzten in Liechtenstein. Die größtenteils schlichten Erdbestattungen waren in unterschiedlichem Erhaltungs- und Störungszustand und in Lagen von bis zu acht Gräbern übereinander angelegt.

Zeichen der Andacht
Besonders die 44 dokumentierten neuzeitlichen Bestattungen illustrieren den Wandel von einer weitgehend beigabenlosen mittelalterlichen Tradition hin zu stärker individualisierten Formen des Totengedenkens. Die Verstorbenen waren in Särgen beigesetzt, die anhand von Holzresten, Eisennägeln, Beschlägen, Griffen und Fragmenten von Glas-Sichtfenstern nachweisbar sind. Die Gräber sind regelhaft West-Ost-orientiert. Bei den zwei in Ost-West Orientierung bestatteten Individuen in den Gräbern G172 und G182 vor dem heutigen Friedhofseingang handelt es sich vermutlich um geistliche Würdenträger. Die neuzeitlichen Funde spiegeln Veränderungen im Bestattungs- und Frömmigkeitsverhalten wider. Neben zahlreichen Knöpfen aus Keramik, Metall, Glas, Knochen und Perlmutt fanden sich Miederhaken, Hafteln, Gürtelschnallen, Haarnadeln sowie Bestandteile von Kleidung oder des Haarschmucks (Abb. 2). Besonders hervorzuheben sind zwei Uniformknöpfe mit Granatensymbol sowie die 1908 gestiftete „Fürstlich Liechtenstein’sche Jubiläums-Erinnerungs-Medaille“ aus Grab 122, die auf die Bestattung eines Grenadiers verweist (Abb. 3).

Religiöse Objekte treten in der Neuzeit verstärkt auf. Nachgewiesen sind Rosenkränze, Wallfahrtsmedaillen, Benediktusmedaillen, Kreuze und weitere Devotionalien, die meist bei den Händen oder am Körper der Verstorbenen lagen. Die Funde belegen Formen persönlicher Frömmigkeit vom 17. bis frühen 20. Jahrhundert. Mehrere Rosenkränze bestanden aus Holz-, Knochen- oder Glasperlen und waren mit Kreuz- oder Wallfahrtsanhängern kombiniert (Abb. 4).

Frühe Christen
Die darunter liegenden hoch- bis spätmittelalterliche Phase umfasst 148 Bestattungen. Die Gräber sind mehrheitlich nach Osten ausgerichtet, Beigaben oder Kleidungsbestandteile fehlen vollständig. Die Beobachtungen entsprechen vergleichbaren Friedhöfen in Balzers-Gutenberg, Bendern, Schaan-St. Peter und Vaduz. Aufgrund der dichten Belegung, zahlreicher Störungen und des Zeitdrucks waren Grabgruben und Grabreihen vielfach nicht eindeutig zu erfassen.
Die älteste Belegungsphase schließlich umfasst zehn frühmittelalterliche Erdgräber des 7. Jahrhunderts. Die Datierung stützt sich auf stratigrafische Beobachtungen, Radiokarbondatierungen sowie die Funde aus Grab 130. Die Gräber waren in den anstehenden Hangschotter und Lehm eingetieft und überwiegend West-Ost-orientiert. Zwei Bestattungen wiesen Steineinfassungen auf. Als einzige Beigaben sind aus Grab 130 ein Messer und eine ovale Gürtelschnalle überliefert (Abb. 5). Typologische Vergleiche und eine Radiokarbondatierung (613–665 n. Chr.) bestätigen die zeitliche Einordnung ins frühe Mittelalter.

Anthropologische Erkenntnisse
(Christine Cooper)
Durch die 1400 Jahre dauernde Nutzungszeit des Friedhofs ergab sich eine sehr dichte Belegung, die sich auch in den Befunden bei der Ausgrabung widerspiegelte. Unzählige Störungen von jeweils älteren Bestattungen brachten für die anthropologische Untersuchung einige Herausforderungen mit sich, da hauptsächlich unvollständige Skelette vorlagen und es zudem eine beträchtliche Menge von Streufunden zu bearbeiten gab. Insgesamt 202 Skelette sowie 312 Streufundkomplexe unterschiedlichen Umfangs wurden anthropologisch untersucht. Für die Auswertung war es notwendig, die Gräber zumindest weitgefassten chronologischen Kategorien zuzuweisen. Zehn entfielen auf die frühmittelalterliche, 148 auf die hoch-/spätmittelalterliche und 44 auf die neuzeitliche Gruppe.
Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder
Die demografischen Befunde zeichnen sich durch eine besonders starke Untervertretung von Kleinkindergräbern in allen Untergruppen aus. Das Eschner Totenregister als reales Beispiel aus Liechtenstein zeigt, dass noch im 18./19. Jahrhundert (Geburtsjahre 1700–1799) rund 20% der Verstorbenen 0–1jährig waren, wobei der gesamte Anteil der Nichterwachsenen rund 40% betrug. Der Grund für das fast vollständige Fehlen ihrer Gräber in Schaan liegt mit Sicherheit nicht darin, dass kaum Kleinkinder gestorben sind. Eine Antwort darauf können die Streufunde geben, welche gestörte oder zerstörte Gräber repräsentieren. Rund zwei Drittel aller untersuchten Streufundkomplexe enthielten Knochen von Kindern bis sieben Jahren einschließlich Neugeborenen und Säuglingen. Dies belegt, dass auch Kleinkinder (zumindest zeitweise) im untersuchten Friedhofsbereich bestattet wurden, dass ihre Gräber wohl aufgrund ihrer geringeren Tiefe häufig zerstört wurden. Da Knochen dieser Altersklasse aber auch in den Streufunden relativ untervertreten sind, lässt vermuten, dass es im Friedhof in der Vergangenheit gesonderte Bestattungsareale für Kinder gegeben haben dürfte, wie es noch heute der Fall ist. Diese wurden aber bei der Ausgrabung nicht erfasst.
Zunehmende Lebenserwartung
Während in der mittelalterlichen Gruppe die meisten Erwachsenen zwischen 40 und 60 Jahren verstarben, erreichte in der neuzeitlichen Gruppe ein deutlich größerer Anteil ein Alter von über 60 Jahren. Dies dürfte ein Abbild des epidemiologischen Übergangs in der Neuzeit sein, dessen Ergebnis eine deutliche Erhöhung der Lebenserwartung war. Entscheidend bei diesem sich über drei Jahrhunderte erstreckenden und vielschichtigen Prozess war ein Rückgang von Mortalitätskrisen durch endemisch oder epidemisch auftretende Infektionskrankheiten wie Pest, Pocken, Typhus, Ruhr und Tuberkulose, aber auch von Mangelerkrankungen. Dabei erfolgte eine Verschiebung hin zu chronisch-degenerativen, nichtinfektiösen Erkrankungen.
Befund: Karies
Die Befunde zu Karies und Abrasion an den Zähnen bei der frühmittelalterlichen und der hoch-/spätmittelalterlichen Gruppe fügen sich nahtlos in das bekannte Bild bei anderen Bevölkerungsgruppen dieser Epochen auf dem Gebiet Liechtensteins ein. Die neuzeitliche Gruppe dagegen zeigt deutliche Abweichungen gegenüber ähnlich datierten Vergleichsgruppen. Die geringere Kariesintensität sowie die stärkere Abrasion in der neuzeitlichen Bevölkerungsgruppe aus Schaan haben ihren Ursprung möglicherweise darin, dass hier auch Menschen aus den Berggebieten Triesenbergs und Plankens bestattet wurden, deren Ernährungsweise sich von derjenigen der Talbevölkerung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein unterschieden haben könnte. Diese These bedarf aber noch weiterer Überprüfung.

Tuberkulose, Pest und andere Leiden
Die Prävalenz von Läsionen an der Innenseite von Rippen, die am häufigsten bei Tuberkulose entstehen, ist mit 3,8% im Vergleich mit verschiedenen Referenzserien mäßig. Solche Läsionen fanden sich nur bei drei Individuen der hoch-/spätmittelalterlichen Gruppe. Zusätzliche Hinweise auf Tuberkulose waren in den Streufunden vertreten, beispielsweise ein zerstörtes Hüftgelenk sowie Veränderungen im Schädelinneren, die mit tuberkulöser Meningitis vereinbar sind. Eine weitere in Schaan festgestellte Infektion war Osteomyelitis (Abb. 6). Der Knochen weist dicke Auflagerungen sowie mehrere Kloaken auf, also Defekte im Knochen, die Eiter vom Knocheninneren in das umgebende Weichteilgewebe ableiten. Eine solche Entzündung des Knochens und des Knochenmarks erreicht den Knochen entweder direkt über traumatische Wunden oder indirekt durch Streuung der Bakterien über die Blutbahn von einem entfernteren Infektionsherd, z.B. bei einer Allgemeininfektion wie Angina. Obwohl an den Knochen insgesamt nicht übermäßig viele Anzeichen für Infektionskrankheiten ausgebildet waren, bedeutet das nicht, dass sie selten auftraten. Rasch zum Tod führende Erkrankungen wie beispielsweise die Pest hinterlassen am Skelett nämlich keine sichtbaren Veränderungen. Auch Tuberkulose hinterlässt nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen Spuren am Skelett. Besonders in der mittelalterlichen Gruppe stellten Infektionskrankheiten sicher die häufigste Todesursache dar, was sich auch in der Altersverteilung im Vergleich mit der neuzeitlichen-Gruppe widerspiegeln dürfte.

Tatsächliche und vermutete Traumata
Die Untersuchung der Traumata zeigte ein mäßiges Frakturrisiko. Zwei Fälle von Luxationen an einem Schulter- und einem Kniegelenk zählen ebenfalls zu den traumatischen Befunden. Die festgestellten Langknochenfrakturen in Schaan können alle auf unfallbedingte Ursachen, insbesondere Stürze, zurückgeführt werden. Das gilt auch für die übrigen Frakturen des postcranialen Skeletts, welche Rippen, Wirbel und Mittelhandknochen betrafen. Bei vier Individuen fanden sich Spuren von Verletzungen am Schädel. Ein Kind zeigte ein verheiltes stumpfes Trauma, das sowohl unfall- oder gewaltbedingt sein könnte (Abb. 7). Eine mutmaßliche stumpfe Verletzung bei einem Mann könnte auf tödlich endende zwischenmenschliche Gewalt zurückzuführen sein, allerdings ist die Entstehungszeit schwierig zu bestimmen. Der Defekt könnte möglicherweise auch nach dem Tod entstanden sein. Dieselben Fragen bleiben im Falle einer perimortal wirkenden Lochfraktur am Schädel einer Frau offen. Aufgrund der mittelalterlichen Zeitstellung ist eine Schussverletzung kaum denkbar. Auch die Merkmale der Läsion passen nicht in jedem Aspekt dazu. Eine postmortale Entstehung nach einem eher kurzen postmortalen Intervall muss auch in diesem Fall in Betracht gezogen werden.

Amputation im Mittelalter
Hinweise auf ärztliche respektive chirurgische Tätigkeiten liegen in Schaan ebenfalls vor. Reste einer Tibia und einer Fibula aus den Streufunden (11./12. Jh., radiokarbondatiert) belegen eine Amputation des linken Fußes (Abb. 8). Die beiden Unterschenkelknochen sind während des Heilungsprozesses an der Trennungsstelle durch eine knöcherne Überbrückung miteinander verwachsen. Weil das restliche Skelett nicht erhalten war, sind mögliche Hinweise auf Krankheiten, die als Ursache für die Amputation in Frage kämen, nicht zu beurteilen. Fest steht, dass der Eingriff mindestens mehrere Monate überlebt wurde, obwohl die Überlebensquote bei solchen Eingriffen im Mittelalter wegen Blutverlust, Infektion (Starrkrampf, Septikämie) und schockbedingtem Kreislaufversagen gering gewesen sein dürfte.

Jodmangel in alpinen Regionen
Bei zwei Skeletten fanden sich kugelige bzw. unregelmäßig geformte Gebilde auf bzw. neben der Halswirbelsäule (Abb. 9, 10). Aufgrund ihrer Lokalisation handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Verknöcherungen von Kröpfen (Schwellung des Halses aufgrund einer Vergrößerung der Schilddrüse; Abb. 10). Kröpfe können eine Folge von lange bestehendem Jodmangel sein und waren vor dem 20. Jahrhundert in den jodarmen Alpenregionen weit verbreitet. Ab den 1920er-Jahren gingen nach der Einführung der Kochsalz-Jodierung die von Jodmangel verursachten Erkrankungen markant zurück.

Autorinnen:
Dr. Christine Cooper, Anthropologin, Peter-Kaiser-Platz 2, 9490 Vaduz, Archäologie, Amt für Kultur, Liechtenstein
Dr. Sarah Leib, Archäologin, Peter-Kaiser-Platz 2, 9490 Vaduz, Archäologie, Amt für Kultur, Liechtenstein
Der vorliegende Beitrag ist ausführlich nachzulesen in:
Cooper, Christine, Anthropologische Untersuchung der Skelette aus dem Friedhof der ehemaligen Pfarrkirche St. Laurentius in Schaan. Archäologie in Liechtenstein 2025 (2026) 64–111.
Leib, Sarah, 1400 Jahre Friedhof Schaan. Archäologie in Liechtenstein 2025 (2026) 37–63.
Weiterführende Literatur:
Beck, David, Das Kastell Schaan. Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 57, 1957, 229–295.
Beck, David, Ausgrabung St. Peter in Schaan 1958. Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 58, 1958, 283–293.
Cooper, Christine/Leib, Sarah, Frühmittelalterliche Gräber in Schaan Landstrasse und Hiltys Bündt. Archäologie in Liechtenstein 2022 (2023) 54–64.
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Frommelt, Anton, Alemannengräber Schaan 1938. Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 38, 1938, 87–94.
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Heinzle, Bernd/Leib, Sarah/Cooper, Christine, Frühmittelalterliche Gräber in römischen Gebäuden. Schaan, Obergass (07.0148). Archäologie in Liechtenstein 2024 (2025), 26–27.
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