So ein Foto hat Seltenheitswert. Es wurde 1948 auf der höchsten Kuppe des Eschnerberges, der Fundstelle Borscht, aufgenommen. Der Fotograf wird wohl der Leiter der ur- und frühgeschichtlichen Ausgrabungen des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein und spätere Gründungsdirektor des Liechtensteinischen Landesmuseums David Beck gewesen sein. Die drei Herren sind (von links nach rechts) Elmar Vonbank: gerade promoviert und in die Dienste des Vorarlberger Landesmuseums eingetreten. Er wird dieses von 1954 bis 1986 leiten und die Archäologie Vorarlbergs nachhaltig prägen. Benedikt Frei: 1938 vom Amt für Ur- und Frühgeschichte zum Betreuer des Rheintals und des Sarganserlandes ernannt, wird 1966 zum Kantonsarchäologen St. Gallen aufsteigen. Und Adolf Hild.

Adolf Hild wurde 1907, gerade einmal 24 Jahre alt, befristet („provisorisch“) als Verwaltungsbeamter im neu erbauten Vorarlberger Landesmuseum angestellt. Eine der ersten – aber nicht die einzige – ihm übertragenen Aufgaben war die Neuordnung und Neuinventarisierung des archäologischen Fundbestandes des Museums. Dank seiner zeichnerischen Fähigkeiten (sein erst 2022 an das vorarlberg museum gekommene künstlerischer Nachlass gibt davon ein deutliches Zeugnis) konnte er bis 1910 den gesamten Altbestand neu erfassen. Nicht ohne Stolz berichtet der Vorstand Carl von Schwerzenbach in der Generalversammlung am 19. März 1910: „Die Inventarisierung der prähistorischen und römischen Abteilung ist heute, inklusive der letztjährigen Funde, durchgeführt und zwar in einer Weise, daß sich wohl wenige Museen rühmen können, ein derartig sorgfältig ausgeführtes, durch getreueste bildliche Wiedergabe eines jeden Originalgegenstandes so äußerst wertvolles Inventar zu besitzen.

Sollte früher oder später an die Herausgabe eines Kataloges gedacht werden müssen, so ist die Hauptarbeit dazu heute schon fertiggestellt, es würde sich dann nur um Auszüge und Abschriften aus dem Inventar handeln. Diese große Arbeit, die allein an Abbildungen (Anm. Zeichnungen) an die 3000 Nummern umfaßt, hat unser Verwaltungsbeamter Herr Hild geleistet …“



Adolf Hilds Fähigkeiten auf dem Gebiet der Fotografie (Fotografenlehre in Bregenz und Stuttgart; von 1900 bis 1905 Fotografengeschäft im Bregenzerwald) ist wohl auch die 1907 einsetzende und immer umfangreicher werdende Sammlung an Glasplattennegativen zu verdanken. Ausgrabungsdokumentationen aber auch Abbildungen verschiedenster Fund-/Museumsobjekte sind heute wichtige Quellen für Forschungsgeschichte und Objektgeschichte.


Dass Adolf Hild vom Vorarlberger Landesmuseumsverein erst am 28. Februar 1912 per Vorstandsbeschluss in ein definitives Vertragsverhältnis übernommen wurde, verwundert etwas angesichts seiner überdeutlichen Spuren im Museumsalltag, mag aber heutigen Archäologinnen und Archäologen durchaus bekannt vorkommen.
Als Reichsdeutscher musste er im März 1915 in den 1. Weltkrieg einrücken. Seine Abwesenheit wird in den Vorstandsberichten ausdrücklich beklagt, muss doch sein großes Arbeitspensum von den verschiedensten Vorstandsmitgliedern abgearbeitet werden; „dankenswerterweise“ verbrachte er aber seine Urlaube größtenteils im Museum: die Ausgrabungen 1912 bis 1914 mit 2343 Inventarnummern, 766 Eisenobjekte der mittelalterlichen Abteilung, 139 Zinngegenstände, 225 Tongefäße, 77 Gegenstände aus Kupfer wurden „in tadelloser Uebersicht mit musterhaften Zeichnungen“ vorgelegt.

Nach 1918 nahm dann die Karriere von Adolf Hild „richtig Fahrt auf“. Ab 1920 leitete er – seit 1914 auch korrespondierendes Mitglied der k.k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale – in Vertretung von Carl von Schwerzenbach (gest. 1925), des langjährigen Vorstands (und Ausgräbers), die Ausgrabungen selbst. 1924 wurde er zum ehrenamtlichen Konservator der Nachfolgeorganisation Bundesdenkmalamt ernannt. Beispielhaft für seine Herangehensweise an die Materie Archäologie mögen einerseits der Artikel „Archäologische Forschungen in Bregenz“ in den Österreichischen Jahresheften 26, 1930, Beiblatt Sp. 115-176 und andererseits seine Beiträge für die Monographie „Die vorgeschichtlichen Funde Vorarlbergs“, Baden bei Wien 1937 (= Österreichische Kunsttopographie XXVII) herangezogen werden. Letztere Publikation verdeutlicht auch seine „Augenhöhe“ mit Univ.-Prof. Dr. Gero von Merhart (geboren in Bregenz; für ihn wurde überhaupt der erste Lehrstuhl in Deutschland für Ur- und Frühgeschichte geschaffen) und Univ.-Prof. Oswald Menghin (langjähriger Vorstand des Urgeschichtlichen Instituts der Universität Wien).
Hatten sich seine Vorgänger im Landesmuseum, Samuel Jenny und Carl von Schwerzenbach, auf Brigantium konzentriert, richtete Adolf Hild sein Augenmerk verstärkt auf ganz Vorarlberg. Umfangreichere Ausgrabungen mit zeitnaher Publikation der Grabungsberichte erfolgten in Hörbranz (spätrömischer Burgus), Satteins (römische Villa), Bludenz-Kleiner Exerzierplatz (Hallstatt-A-Urnengräber), Göfis-Heidenburg (Urnenfelderkultur bis Spätantike), Nenzing-Stellfeder (spätrömisches Kastell) und Nenzing-Scheibenstuhl (vorgeschichtliche Höhensiedlung). Dem nicht genug übernahm er auch die Ausgrabungsleitung in Schaanwald, Gutenberg/Balzers, Schellenberg-Borscht und Gamprin-Lutzengüetle.
In Anerkennung seiner großen Verdienste wurde ihm – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – am 28. April 1934 das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich verliehen; ab dem 22. Februar 1938 durfte er den Titel Museumsdirektor führen; am 20. Februar 1946 erhielten er und seine Gattin die österreichische Staatsbürgerschaft; am 26. November 1953 war der Erstausgabetag der 3-teiligen Briefmarkenserie „Prähistorische Funde“ des Fürstentums Liechtenstein nach seinen Entwürfen.
Und schlussendlich zierte eine „Leihgabe“ des Vorarlberger Landesmuseums (das Grabkreuz F 0005) seine letzte Ruhestätte auf dem Kennelbacher Friedhof.
Autor: Gerhard Grabher, Landesarchäologe und stv. Direktor des vorarlberg museum i.R.