Objekt, Text, Plan, Bild – Wie Quellen miteinander sprechen und trotzdem oft schweigen

Die Gegenwart trifft in der Erde oft auf die Vergangenheit. Im Frühjahr 2021 stieß man am Kirchplatz von Schruns bei Baggerarbeiten auf zwei Steinmauern, die einen Blick auf die alte Kirche von Schruns, den Vorgängerbau des heutigen Münsters St. Jodok, ermöglichten.

Bereits bei den ersten Leitungsverlegungen in den 1990er Jahren wurden die beiden Mauern offensichtlich stark in Mitleidenschaft gezogen: Die gesamte Längskante von Mauer 1 (Abb.1) ist daher nicht mehr original erhalten. Zudem wurden große Öffnungen für ältere Leitungen in die Mauer geschremmt. Mauer 2 (Abb.2) wurde für den alten Leitungsgraben gänzlich durchbrochen und an ihrer Nordkante von einem Laternenfundament gestört. Trotzdem konnte man erkennen, dass beide Mauerteile ähnlich aufgebaut sind: Unterschiedlich große Steinkomponenten sind in unregelmäßigen Lagen großzügig vermörtelt.

Abb.1: Mauer 1, die gesamte Längskante wurde bis auf einen kleinen Teil rechts unten touchiert, zwei große Leitungsstörungen sind links und rechts zu erkennen, rechts im Hintergrund zu sehen ist der Stiegenaufgang zum Kirchturm mit Jugendstil-Geländer (CONTEXT 2021).

Aber zu welchem Bauteil der alten Kirche gehörte dieses Mauerwerk und wie alt ist es?
Um diese Fragen zu beantworten, gibt es für Baubefunde unterschiedliche Möglichkeiten:
Zum einen können Funde (Münzen, Schmuck, Keramik,…) und Erdschichten (Brandschichten, Planierungen, Estriche,…), die direkt mit einem Bauteil in Verbindung stehen, einen Anhaltspunkt liefern, wie und wann dieser errichtet und genutzt wurde. Zum anderen geben Mauern selbst durch ihre Stärke, ihre Orientierung, ihre Komponenten, ihren baulichen Zusammenhang und Schichtkontext Möglichkeiten für eine funktionale und chronologische Interpretation.

Abb.2: Mauer 2, sie wurde für die Leitung im Vordergrund gekappt, links zu erkennen die Störung durch eine Laterne (CONTEXT 2021).

Mittels einer genauen Vermessung werden Mauerzüge manchmal auch in historische Pläne eingepasst, wodurch Übereinstimmungen gefunden werden können. Dies funktioniert aber meist nur mit Bauten, die ab dem 19. Jahrhundert planzeichnerisch exakt aufgenommen wurden.

Phantasiegebilde und Detailansichten

In Textquellen sind Gebäude ab dem Mittelalter erstmals verstärkt wahrnehmbar; in Bildern oder archäologischen Befunden können sie mitunter schon viel früher greifbar werden. Seltener haben sich für ältere Bauten Zeichnungen, Drucke, Tafelbilder o.ä. erhalten. Diese sind jedoch mit Vorsicht zu genießen – bei mittelalterlichen Stadtansichten beispielsweise wurden bisweilen Details hinzugefügt oder weggelassen. Manchmal sind sie gänzlich Phantasiegebilde, gelegentlich aber sind sie auch überraschend genau.
Die Zuverlässigkeit einer Quelle kann nur durch die Zusammenschau von mehreren gleichen oder unterschiedlichen Quellengattungen überprüft werden. Dazu gehören beispielsweise archäologische Sachquellen, historische Schriftquellen, Text- und Planquellen, epigraphische Quellen (Inschriften) oder kunsthistorische Bildquellen.
Für die Mauern von St. Jodok in Schruns konnten mehrere dieser Gattungen herangezogen werden.

Abb.3: Urkundeüber den Verkauf eines Martinizins „In der Kapellen zu Schruns (…)“ (Detail) Feder auf Pergament, Februar 1477 (Vorarlberger Landesarchiv, Stand Montafon, 4281).

Die archäologische Sachquelle (die beiden Mauerreste selbst) ist aufgrund ihrer Erhaltung und ihres Freilegungsgrades nicht aussagefähig genug, um sie genau chronologisch einzuordnen. Aus den historischen Textquellen wissen wir aber, dass die alte Kirche St. Jodok erst im 15. Jahrhundert erbaut wurde. In einer Erwähnung von 1477 wird sie „Kapelle“ (Abb.3), 1482 „Kirche“ (Abb.4) genannt.

Abb.4: Urkunde über einen Gantbrief „(…) in Schruns ob SantJosen Kirchen (…)“ (Detail) Feder auf Pergament, Januar 1482 (Vorarlberger Landesarchiv, Stand Montafon, 4282).

1674 erfolgte die Errichtung des Kirchturms nördlich des Schiffes. Dieser Turm ist bemerkenswerterweise Träger einer epigraphischen Quelle zu seinem eigenen Entstehungsdatum; unterhalb des Kuppelfußes ist zu lesen: „Von Hannes Josef & Peter Stewen, Zimmermeister, ist dieser Durm oder Gebew durch Geschworene & eine ehrsame Gemeinde allhier im Sommer anno 1674 verdingt worden auszuführen & dann der kunstreiche Jüngling Christian Schaffner, Maler, solches mit den Farben ausgestrichen.“

Bereits acht Jahre später, 1682, brennt die Kirche nieder, worauf ein barocker Neuaufbau geschah. 1865/66 wird die Kirche unter Erhaltung des Kirchturms abgebrochen und die heutige Kirche nördlich des Kirchturms erbaut.

Abb.5: Franziszeischer Kataster 1857, Ortskern von Schruns um die Pfarrkirche Hl. Jodok, die Vorgängerkirche und der umlaufende Friedhof, sowie der nachgetragene/geplante Grundriss der neuen Kirche sind gut zu erkennen (VoGIS 2021).

Auf dem Franziszeischen Kataster von 1857, der historischen Planquelle, erkennen wir den Grundriss der nun vermutlich großteils barocken Vorgängerkirche und deren Lage (Abb.5). Er zeigt ein NW-SO orientiertes Langhaus mit einem Fünfachtelchor ohne erkennbare Strebepfeiler. Im Norden befindet sich der Kirchturm und ein Anbau, der wahrscheinlich als Sakristei diente. Mit der Vermessung der archäologischen Befunde und der Einpassung in den Plan wird ersichtlich, dass das Mauerfragment Mauer 1 als sogenannte Spannmauer fungierte, die zwischen dem Chor und dem Langhaus der alten Kirche lag (Abb.6).

Abb.6: Franziszeischer Kataster 1857 in Überblendung mit dem heutigen Kataster und der Vermessung von Mauer 1 und Mauer 2 (CONTEXT 2021 auf Basis von VoGIS 2021).

Sie diente der Stabilisation des Triumphbogens und der Abgrenzung des Schiffes gegenüber dem Chor. Mauer 2 hingegen ist ein Relikt der ehemaligen Chorsüdmauer.
Einen besonderen Glücksfall stellen vier kunsthistorische Bildquellen zur Vorgängerkirche dar, die im Montafoner Museum archiviert sind (Abb.7-10, Galerie).

Obwohl sie aus verschiedenen Perspektiven von unterschiedlichen Personen angefertigt wurden und nicht zur gleichen Zeit entstanden, zeigen sie: Ein Langhaus mit Fünfachtelchor, in den zwei Rundbogenfenster und ein Rundfenster eingepasst wurden. Der Kirchturm erhebt sich mit Zwiebelhaube an der Nordseite des Kirchenschiffs, davor befindet sich der wohl als Sakristei ansprechbare Anbau. Der umlaufende Friedhof wurde von einer Mauer umgeben.

Potential der Quellenkombination

Aus der Kombination der Quellen wird somit eine funktionale Befundinterpretation möglich: Bei den Mauerresten handelt es sich um Relikte eines Chors. Ob die entdeckten Mauern noch vom ursprünglichen gotischen Bau stammen oder von einem völligen Neubau nach dem Brand von 1682, lässt sich mit archäologischen Methoden vorerst nicht sagen. Die Bilder, Texte und Pläne verdeutlichen aber, dass die Kirche zumindest barockisiert worden war, wenn es sich nicht um einen gänzlichen Neubau handelte.
So bleibt hervorzuheben, dass, obwohl die genaue Datierung der Mauerreste bisher noch unklar bleibt, diese nicht nur ein einprägsames Beispiel für das Potential der Quellenkombination, sondern auch für überraschende Befunde in leergeglaubten Altkünetten sind.

Ein besonderer Dank geht an Dr. Sophie Röder von den Montafoner Museen für ihre intensive Recherche, auf die die Bildquellen zurückgehen.

Autorin: Laura Holzer MA MA, Archäologin und Kunsthistorikerin bei der Firma Context KG

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