Vorarlberg zwischen Nord und Süd – Das Kleinwalsertaler Mesolithikum

Die Epoche der Mittelsteinzeit oder des Mesolithikums (9.600 und 5.500 v. Chr.) stellt den wohl unbekanntesten Abschnitt der Steinzeit dar. Sie liegt zwischen der vorhergehenden Altsteinzeit und der nachfolgenden Jungsteinzeit. Für viele ist sie eine Zeit kulturellen Stillstands, ohne die Kunstwerke der Eiszeit wie z. B. die Höhle von Lascaux oder die Innovationen der Jungsteinzeit wie Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht. Doch die Mittelsteinzeit hat mehr zu bieten als es auf den ersten Blick scheint. Sie ist eine Zeit, in welcher der Mensch mit massiven klimatischen Veränderungen zu kämpfen hatte. Auf einmal gab es Meere, wo früher Land, Bäume wo zuvor Grassteppen gewesen waren. Und der Mensch tat, was er wohl am besten kann: Er passte sich den neuen Gegebenheiten an.

So besiedelte er auch erfolgreich Landschaften wie die Alpen, die bis dahin durch das Eis unbegehbar gewesen waren. Allein im Kleinwalsertal, in der nordöstlichsten Ecke Vorarlbergs, finden sich über 90 mesolithische Fundstellen verschiedener Größe und Funktion (Abb.1). Das Projekt „Das Kleinwalsertal. Eine mittelsteinzeitliche Landschaft mit weitreichenden Kontakten“ beschäftigte sich mit dieser bis dato kaum erforschten Region.

Abb. 1: Fundstellen Kleinwalsertal (Grafik: C. Posch, Datengrundlage: vorarlberg.gv.at).

Die Ergebnisse zeigen, dass das Kleinwalsertal spätestens ab der Wende vom 9. zum 8. Jahrtausend v. Chr. begangen wurde. Die Fundstelle Egg-Schwarzwasser scheint hierbei die älteste zu sein. Es folgt ein Höhepunkt der Nutzung zwischen ca. 7.400 und 5.000 v. Chr., also noch bis in die beginnende Jungsteinzeit.

Zudem wurde in der Region eine Reihe von Pollenprofilen aus Seen und Mooren entnommen. Diese werden von Biologen dazu verwendet, die Vegetations- und Bewaldungsgeschichte zu rekonstruieren. In diesen Pollenprofilen finden sich allerdings bis etwa 4.600 v. Chr. keine Hinweise auf eine jungsteinzeitliche Nutzung der Region (Weidezeiger oder erhöhte Rodungsaktivitäten). Dies würde wiederum auf eine andauernde „mesolithische“ Lebensweise innerhalb des Kleinwalsertales parallel zu den bereits sesshaften Gesellschaften im Alpenvorland hindeuten.

Abb. 2: Mesolithische Steinartefakte aus Fundstelle der Schneiderküren (Grafik: B. Nutz).

Hinsichtlich der überregionalen Einbindung des Kleinwalsertals deuten Herkunftsanalysen (durchgeführt von Michael Brandl, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien) und die Formen der Pfeilbewehrungen zum einen auf starke Einflüsse aus dem süddeutschen Mesolithikum hin. Dafür sprechen aus dem bayerischen Donauraum stammende Rohmaterialen in den Fundstellen Egg-Schwarzwasser und Schneiderküren sowie zum anderen die Präsenz der typischen breiten Mikrospitzen mit konkaver Basis (Abb. 2; Abb. 3, rote Dreiecke). Andererseits konnten auch Einflüsse aus dem Westen und Süden festgestellt werden. So finden sich schlanke Spitzen mit Basisbearbeitung, die sonst hauptsächlich in der Westschweiz und Ostfrankreich verbreitet sind (Abb. 3, magentafarbene Dreiecke). Auch treten typische südostfranzösische bzw. norditalienische Formen wie schlanke ungleichschenklige Dreiecke mit drei bearbeiteten Kanten (Abb. 3, grüne Dreiecke) auf. Zudem fanden sich unter den Rohmaterialien der Fundstelle Egg-Schwarzwasser Artefakte, deren Herkunft auf der anderen Seite des Alpenhauptkamms im Nonstal/Val di Non zu verorten ist (Abb. 3). Demnach finden sich innerhalb des Kleinwalsertales Einflüsse aus dem Norden, Süden und Südwesten.

Abb. 3: Überregionale Einbindung des Kleinwalsertales (gelb) im Mesolithikum: Vergleiche der Mikrolithen der Fundstellen Schneiderküren und Egg-Schwarzwasser (Grafik: C. Posch, Datengrundlage: Copernicus).

Doch was machte das Kleinwalsertal so attraktiv für mittelsteinzeitliche Wildbeutergruppen? Hierbei waren wohl mehrere Gründe ausschlaggebend: Zum einen bildet es durch seine Lage am Rand des Alpenvorlandes einen Zugang zu den dahinterliegenden inneralpinen Tälern. Zum anderen weist es mit der hier lebenden subalpinen und alpinen Fauna und Flora ein reiches Angebot an Nahrung auf sowie Lieferanten für Rohstoffe, beispielsweise Felle und Leder für Kleidung, oder Geweih, Knochen und Holz für Werkzeuge. Einen weiteren wichtigen Faktor stellen jedoch die lokalen Radiolarit- und Hornsteinlagerstätten im Süden des Tales dar. Die auffällig gefärbten roten, blauen und grünen Gesteine repräsentieren die vorrangige lokale Ressource zur Herstellung von mittelsteinzeitlichen Werkzeugen und Waffen (Abb. 4).

Abb. 4: Lokal anstehender Kleinwalsertaler Radiolarit (Grafik: C. Posch).

Ob ein tatsächlicher Kontakt zwischen diesen verschiedenen Gruppen stattfand und, wenn ja, ob dieser von gegenseitiger Wertschätzung oder von Konflikten und Gewalt geprägt war, lässt sich jedoch nicht beurteilen. Nichtsdestotrotz zeigen die Kleinwalsertaler Fundstellen auf, dass die scheinbar unüberwindbare Barriere des Alpenhauptkammes in der Mittelsteinzeit überschritten wurde und die Alpen, als Lebensraum zwischen Nord und Süd genutzt wurden.

Dank

Die Autorin dankt: Gemeinde Mittelberg; Walsermuseum Riezler; Birgit Gehlen (Universität zu Köln); Michael Brandl (OREA, Österreichische Akademie der Wissenschaften); Walter Leitner (Universität Innsbruck); Urs Leuzinger (Kantonsarchäologie Thurgau); Gert Goldenberg (Universität Innsbruck); Cecilia Conati Barbaro (Universtà La Sapienza, Rom); Armin Guggenmos, Giuseppe Gulisano, Karl Keßler und Detlef Willand; Wissenschaftsförderung des Landes Vorarlberg; Verein Landschaftsschutz Kleinwalsertal.

Autorin: Dr. Caroline Posch, Universität Innsbruck

2 Kommentare zu „Vorarlberg zwischen Nord und Süd – Das Kleinwalsertaler Mesolithikum

  1. „Sie ist eine Zeit, in welcher der Mensch mit massiven klimatischen Veränderungen zu kämpfen hatte. Auf einmal gab es Meere, wo früher Land, Bäume wo zuvor Grassteppen gewesen waren. Und der Mensch tat, was er wohl am besten kann: Er passte sich den neuen Gegebenheiten an.“ Hoffentlich lesen viele Klimaaktivisten und bzgl. Klimaerwärmung verängstigte Mitbürger:innen diesen Beitrag.

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