Archäologische Spurensuche ohne Grenzen – Alpwirtschaft, Alpinismus und Walser rund um den Naafkopf

Foto: Naafkopfprojekt

Dass das Weidevieh im Sommer auf die Alpen getrieben wird, gehört für uns heute einfach dazu. Es ist Teil unseres – zugegeben etwas romantischen – Blicks auf die Alpen. Doch wann hat das alles begonnen? Dieser spannenden Frage widmeten sich in den letzten Jahren einige Forschungsprojekte: Intensive archäologische Forschungen (z.B. in der Silvretta) brachten erste Belege für eine alpine Weidenutzung bereits ab der Jungsteinzeit. Die Alpwirtschaft wie wir sie heute kennen – mit festen Bauten und Milchwirtschaft – etabliert sich wohl ab der Mittel- bzw. Spätbronzezeit.

Abb 1: Das Untersuchungsgebiet des Naafkopfprojekts (Karte: Naafkopfprojekt).

Um auch im Dreiländereck rund um den Naafkopf nach alpwirtschaftlichen Spuren zu suchen, wurde in den Jahren 2011 und 2012 ein archäologisches Forschungsprojekt durchgeführt. Bei diesen grenzüberschreitenden Geländebegehungen (über die aktuellen Feldforschungen wurde in einem Blog berichtet) wurden 93 alpine Gebäudereste entdeckt und dokumentiert. Die meisten davon waren neuzeitliche, alpwirtschaftliche Gebäude – es wurden aber auch einige wesentlich ältere Baustrukturen entdeckt, die wir hier vorstellen möchten:
Einen nicht alltäglichen Baubefund stellen die Überreste der Hoch-Schamälla-Hütte (2182 m) dar. Diese Schutzhütte wurde 1882 vom Schweizer Alpen-Club (SAC) am Südhang der Schesaplana erbaut, 1897 jedoch bereits wieder aufgelassen und in der Nähe die heute noch bestehende Schesaplanahütte (1908 m) errichtet. Zum Vergleich: die älteste Hütte des SAC, die Grünhornhütte, wurde 1863 – das Gründungsjahr des SAC – erbaut. Die Hoch-Schamälla-Hütte war somit eine der ersten Hütten des SAC. Ihre Ruine ist daher ein Zeugnis der frühen Phase der alpinen Schutzhütten und des aufkommenden Alpinismus.

Abb 2: Historisches Foto der SAC Hütte Hoch-Schamälla (Foto: Kopie aus der Privatsammlung Heinrich Hilty).

Die Reste einer verlassenen Walsersiedlung konnten auf Stürfis (1577 m), auf der Schweizer Seite des Untersuchungsgebiets, dokumentiert werden. Diese ganzjährig von bis zu 15 Familien bewohnte Siedlung mit etwa 50 Gebäuden wurde vermutlich um die Mitte des 14. Jahrhunderts gegründet. Einige Gebäudegrundrisse sind auch heute noch gut im Gelände erkennbar. Herausragend ist dabei die ehemalige Kapelle: Ihre Ruine thront auf einer kleinen Hügelkuppe. Ihr Ende fand die Siedlung während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648): im Jahr 1622, während der sogenannten „Bündner Wirren“, griffen österreichische Landsknechte die Siedlung an und raubten Vieh, Käse und Butter. Der darauffolgende Hungerwinter von 1622/23 sowie die Pest taten ihr Übriges, um das Überleben der Einwohner unmöglich zu machen. Im Jahr 1633 verkauften die Walser deshalb ihre Siedlung und verließen Stürfis.

Abb 3: Auf dem Hügel im linken Vordergrund liegen die Überreste der ehemaligen Kapelle von Stürfis mit einem Gedenkstein, der an die ehemalige Walsersiedlung erinnert (Foto: Naafkopfprojekt).

Eine kleine Überraschung entdeckte das Projektteam im Gamperdonatal, allerdings auf liechtensteinischem Gebiet, in der Flur Blachtahütti (1780 m) – unweit der heutigen Alpe Sareis. Neben einer gut sichtbaren, relativ jungen Gebäuderuine konnten mindestens 23 weitere Gebäudereste dokumentiert werden. Diese sind teilweise durch Mauern, manchmal nur mehr als Mulden im Gelände erkennbar. Wir gehen davon aus, dass es sich dabei um eine saisonale, alpwirtschaftliche Siedlung handelt, die in die frühe Neuzeit, vielleicht sogar ins Mittelalter datiert. Was überrascht, ist die Ausdehnung, die Gebäudeanzahl und dass die Gebäudereste bislang in der historischen Forschung nicht erwähnt wurden. In Zusammenhang mit der Siedlungswüstung Blachtahütti fällt die eigentümliche Grenzziehung auf, da die Grenze zwischen Österreich und Liechtenstein hier nicht entlang des Gebirgsgrates verläuft, sondern tief ins Gamperdonatal, also nach Österreich, verschoben ist. Es wäre denkbar, dass dies ein Hinweis auf alte Weidenutzungsrechte ist.

Abb 4: Plan der im Feld dokumentierten Gebäudegrundrisse Blachtahütti (Plan: Naafkopfprojekt, Plangrundlage: VoGIS/Land Vorarlberg – data.vorarlberg.gv.at).

Im hinteren Gamperdonatal, diesmal jedoch auf österreichischer Seite, befindet sich ein weiteres kleines Ensemble an Gebäudegrundrissen, der Hüttleboda (1770 m). Diese Wüstung besteht aus drei kleineren, länglichen Gebäudegrundrissen, einem Pferch sowie weiteren Mauern. Der Hüttleboda könnte mit dem aus historischen Quellen bekannten Eisenabbau im hinteren Gamperdonatal in Zusammenhang stehen.

Abb 5: Die Wüstung Hüttleboda. Die Grabung fand im länglichen Gebäudegrundriss am linken Bildrand statt (Foto: Manfred Tschaikner).

Um dem nachzugehen, wurde in den Jahren 2011 und 2012 in einem der Gebäudegrundrisse eine kleine archäologische Grabung durchgeführt. Die wenigen Funde umfassten ein paar Metallobjekte, etwas Keramik und Reste von Specksteingefäßen, in denen vermutlich gekocht wurde. Bei den vielen gefundenen Tierknochen von Schafen, Ziegen, Schwein, Rind, Reh und Hase dürfte es sich um Speiseabfälle handeln. Die Schnitt- und Hackspuren auf den Knochen belegen zudem, dass die Tiere vor Ort geschlachtet wurden. Das Gebäude selbst konnte über verkohltes Holz in die 1150er Jahre datiert werden. Hinweise auf Eisenverarbeitung fanden sich keine. Bei der Wüstung Hüttleboda handelt es sich daher vermutlich um eine saisonal genutzte, hochmittelalterliche Alpsiedlung. Sie ist der älteste datierte Befund des Naafkopfprojekts und die älteste dendrodatierte Alphütte Vorarlbergs. Allerdings ist davon auszugehen, dass weitere, wesentlich ältere Alphütten noch in den alpinen Hängen Vorarlbergs und seiner Nachbarregionen verborgen sind. Es gibt also noch viel zu tun und Spannendes zu entdecken!

Abb 6: Grabungs- und Dokumentationsarbeiten in der Wüstung Hüttleboda (Foto: Naafkopfprojekt).

Dank für die finanzielle Unterstützung des Projekts an: INTERREG IV Programm „Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein“ – EFRE-Fördervertrag Nr.157 „Kleinprojektefonds“ (Projektnummer 9); Abteilung Denkmalpflege und Archäologie des Fürstentums Liechtenstein; die Gemeinden Nenzing (AT), Schaan (FL), Triesenberg (FL), Seewies (CH) und Maienfeld (CH); Kultur- und Verkehrsverein Seewis; Vorarlberger Illwerke AG
Außerdem Dank für die Unterstützung an: Heinrich Hilty; Bundesdenkmalamt Österreich; Archäologischer Dienst Graubünden; Firma Leica Geosystems; Universität Zürich; Österreichischer Bergrettungsdienst – Ortsstelle Nenzing; David Hois (Metalldetektorsurvey); Richard Scherrer für seine filmische Begleitung

Literatur: Christoph Walser, Martin Gamon, Heidenhüttli im (Nenzinger) Himmel. Archäologische Wüstungsforschung im hinteren Gamperdonatal. Museums Verein Jahrbuch Vorarlberger Landesmuseumsverein 2013, 96-119.

Autoren: Martin Gamon und Christoph Walser

Ein Kommentar zu “Archäologische Spurensuche ohne Grenzen – Alpwirtschaft, Alpinismus und Walser rund um den Naafkopf

  1. Guten Tag
    Ich betreibe die Homepage
    #Nenzing#
    und Frage an, ob ich Ausschnittes des interessanten Artikels dorthin kopieren darf.
    Vlg Günter Boehler.g

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