Generationenarbeit – Nachdokumentation in der Pfarrkirche St. Mauritius in Nenzing 

Als Wilhelm Sydow 1985 die Ergebnisse zu seinen Untersuchungen in der Nenzinger Pfarrkirche St. Mauritius im Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumvereins erstmals veröffentlichte, bereicherte er Vorarlberg um eines seiner raren Puzzlestücke zur frühmittelalterlichen Geschichte: „[…] zur Zeit, als die Hl. Kolumban und Gallus ihre Mission begannen [, stand] in Nenzing schon fast 100 Jahre eine Kirche.“1 

Während Bauarbeiten in der Kirche St. Mauritius (Abb. 1 / Titelbild) zwischen 1982 und 1984 ergab sich die Gelegenheit, die Fläche des heutigen Chors (Abb. 2) archäologisch zu untersuchen. Mithilfe von lokalen Mitarbeitern arbeitete Sydow sich durch rund eineinhalb Meter aufgetürmte Schichten, bis schließlich die älteste Phase des heutigen Kirchenbaus erreicht war. Zwischen dieser und der jüngsten Phase lagerten nicht nur Gräber, sondern auch Aufschüttungen und Planien, sowie Bauschutt- oder Brandschichten, die im besten Fall Aufschluss darüber geben, wann und warum ein Gebäude aufgegeben wurde (Abb. 3). Vom Gebäude selbst hatten sich Mauern und Mörtelböden erhalten. Sydow definierte nach Abschluss der Grabungen aufgrund dieser Hinweise neun Vorgängerphasen für St. Mauritius: 

Abb. 2, Grabungskeller unterhalb des heutigen Chors, Blick nach Osten. Im Vordergrund links ein Steinplattengrab. Mittig eine aus Bachkieseln bestehende segmentbogenförmige Mauer, die unter einem Blockaltar liegt. Im Hintergrund eine halbrunde Mauer (Apsis), ganz hinten wiederum der gotische Hochaltar. (Context 2023) 
Abb. 3, Grabungskeller unterhalb des heutigen Chors, Blick nach Süden. Unter den Mauerfundamenten (oben) lagern Mörtelböden, Brandschichten und Aufschüttungen; zuunterst befindet sich das anstehende Sediment aus Kieselsteinen, das vom nahe fließenden Mengbach hierher transportiert wurde. Im Vordergrund ein Steinplattengrab. (Context 2023) 

Als in Nenzing am Ort der heutigen Kirche das erste Gebäude errichtet wurde, war das ein kleiner rechteckiger Bau mit einem segmentbogenförmigen Ostabschluss (Abb. 4). Sehr wahrscheinlich handelte es sich noch nicht um eine Kirche, sondern um einen Grab- oder Andachtsraum. Später wurde dieses Gebäude von einem Gebäude abgelöst, das größer war und nach Osten eine sog. Apsis – eine halbkreisförmige Mauer, in der der Altar stand – aufwies (vgl. Abb. 5). Damit ist dieses Gebäude als Kirche anzusprechen, die nach einiger Zeit im Norden durch einen Anbau erweitert wurde. Auch dieser schloss im Osten mit einer Apsis mit Altar. Beide Gebäudeteile wurden demzufolge liturgisch genutzt (Abb. 5). In romanischer Zeit baute man auf der Südseite einen Kirchturm an, von dem noch große Teile erhalten sind. Während der Turm stehenblieb, wurde die mehrfach umgebaute Kirche in der Gotik durch einen Neubau ersetzt (Abb. 6). Dieser hatte einen im Grundriss nicht ganz regelmäßigen Polygonalchor mit Strebepfeilern. 1633 brannte die Kirche bei einem großen Dorfbrand ab. Anschließend errichtete man einen Neubau und stockte den Turm auf. Zuletzt erfolgte 1852 die Verlängerung des Schiffs nach Westen. In der damals erreichten Größe besteht die Kirche noch heute (Abb. 1). 

Abb. 4, St. Mauritius, frühmittelalterlicher Bau mit segmentbogenförmigem Abschluss. (Faccani/Context 2023)
Abb. 5, St. Mauritius, frühmittelalterlicher Apsissaal (gelb) mit Anbau im Norden (grün). (Faccani/Context 2023) 

Abb. 6, St. Mauritius, gotische Bauphase mit dem romanischen Turm. (Faccani/Context 2023) 

Der erste Bau stammt nach der Einschätzung von Sydow aus dem 5. oder 6. Jahrhundert2, wodurch St. Mauritius in Nenzing zur ältesten Kirche in Vorarlberg avancierte. Das Aushängeschild der Kirche war seither der sog. „Körbchenohrring“ (Abb. 7), der aus einem der aufgedeckten Gräber stammt. Er wurde vermutlich zwischen dem Ende des 6. und dem Beginn des 7. Jahrhundert im italienischen oder byzantinischen Raum angefertigt.3 

Abb. 7, Goldener Körbchenohrring. vorarlberg museum

Im Anschluss an die Ausgrabung der 1980er Jahre zog man im Chor eine Bodenplatte über die ausgegrabenen Überreste der Vorgängerkirchen und hielt diese so zugänglich. Der Grabungskeller kann bis heute über eine Luke neben dem Volksaltar betreten werden. Viele Nenzinger:innen hatten dadurch die Gelegenheit, die Ursprünge der Pfarrgemeinde hautnah erleben zu können. Die Begehungen und der Zahn der Zeit setzten dem Befund seither jedoch zu: Erdprofile begannen zu erodieren, wodurch ein Schädel sichtbar wurde, Mauern zerfielen nahezu vollständig. Aus diesem Grund beschlossen die Marktgemeinde und die Pfarrgemeinde Nenzing mit Unterstützung des Bundesdenkmalamts und des Landes Vorarlberg die archäologischen Quellen ihrer Geschichte zu sichern und im gleichen Zuge eine Neudokumentation des Grabungsbefundes vornehmen zu lassen. 

Mit seiner Grabungsdokumentation hat Wilhelm Sydow einen wertvollen Beitrag zur Baugeschichte von St. Mauritius geleistet. Die letzten 40 Jahre haben sich jedoch nicht nur die Grabungsmethoden, sondern auch die Technologie um Fotografie und Vermessung sowie die naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden weiterentwickelt. Die Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Mittelalterarchäologen und Kunsthistoriker Dr. Guido Faccani und der Grabungsfirma Context widmete sich zwischen Juni und Juli dieses Jahres daher nicht nur der Reinigung der Grabungsoberfläche mit Staubsaugern (Abb. 8), sondern auch der Anfertigung von verortbaren digitalen Farbfotos und der Erstellung eines 3D-Modells der gesamten Grabungsfläche. Außerdem wurde jede Schichteinheit vermessen und nummeriert, wodurch sie eindeutig verortbar wurde (Abb. 9). Als besonders glücklicher Fall können drei während der Arbeiten entnommene Proben von organischem Material gewertet werden, auf deren Datierung mit der 14C-Analyse noch mit Spannung erwartet wird. Auf Basis dieser naturwissenschaftlichen Datierungen wird es möglich, sich weiter an die zeitliche Einordnung einzelner Bauphasen heranzutasten, was die bisher ausschließlich über Bautypen erfolgten Datierungen bereichert.

Abb. 8, Das Grabungs- und Dokumentationsequipement muss durch die Luke im Chor hinuntergelassen werden. (Context 2023) 
Abb. 9, Dokumentationsergebnis, Plandarstellung der Schichteinheiten über dem 3D-Modell. (Context 2023) 

Nach Ende der Dokumentationsarbeiten 2023 starten nun die Beratungen um das Konservierungs- und Vermittlungskonzept. Der besondere Befund soll auch für kommende Generationen gesichert werden, die möglicherweise wieder etwas Neues herausfinden. 

Autor:innen:
Guido Faccani, selbständiger Kirchenarchäologe und Kunsthistoriker,
Laura Holzer, Archäologin und Kunsthistorikerin bei der Firma Context KG

Literatur: 
Wilhelm Sydow, Die Ausgrabungen in der Mauritiuskirche von Nenzing, in: Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 1985, 93-129. 
Wilhelm Sydow, Frühmittelalterliche Kirchen Vorarlbergs, in: Montfort 42/1, 1990, 9-18. 

Ein Kommentar zu “Generationenarbeit – Nachdokumentation in der Pfarrkirche St. Mauritius in Nenzing 

  1. Hallo Ausgräber Die älteste Kirche Vorarlbergs sollte es Wert sein auch im ORF-Vorarlberg umfassend dokumentiert zu werden. Aus meiner Erfahrung sind Journalisten um jeden Hinweis dankbar, sie müssen nur rechtzeitig kontaktiert werden.

    Schöne Grüße aus Götzis, Günter Jochum 0664 73604167 www. guenterjochum.at

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