Das Gargellental und das Schlappiner Joch als Teil der Via Valtellina wurden nicht nur in den letzten Jahrhunderten, sondern bereits in der Urgeschichte begangen und genutzt. Dies zeigen Einzelfunde aus der Bronze- (ca. 2200 – 800 v. Chr.) und Eisenzeit (ca. 800 – 15 v. Chr.) vom Schlappiner Joch, aus dem Vergaldatal, aus Gargellen (1423 m) und vom Schafberg. Holzkohlereste der mittleren Bronzezeit vom Gitzistee und aus Vergalda belegen eine zumindest temporäre Nutzung des Gebiets. Vom Gitzistee (1520 m) und dem Schlappiner Joch (2485 m) (Abb. 1), einem Passübergang ins Prättigau, sind außerdem Steinartefakte bekannt, die in die Mittelsteinzeit (ca. 9600 – 5500 v. Chr.) datieren. Diese Funde belegen, dass in der Urgeschichte Menschen das Gargellental aufgesucht haben, vermutlich zur Jagd, zur Sömmerung des Viehs auf den Alpweiden oder zum Übergang ins Prättigau. Aufgrund von Untersuchungen der Universität Frankfurt a. Main sind am Schafberg neben dem erwähnten Einzelfund auch mehrere Alpwüstungen bekannt, die auf Hochweidewirtschaft im Gargellental seit der Frühbronzezeit verweisen.


Um unser Wissen der Landschaftsnutzung im Gargellental zu vertiefen, wurde nun der hinterste, etwas abgelegene Bereich des Gargellentals ins Visier genommen (Abb. 1 + 2). Das Valzifenz- und Wintertal waren bislang weiße Flecken auf der archäologischen Landkarte. Auf einem Geländeplateau am Ende des Valzifenztals, unterhalb der Rotbühelspitz (2853 m), liegt der Augstenberg. Hier befindet sich heute eine Hirtenhütte (2205 m), welche von der Unteren Valzifenzalpe (1690 m) aus bestoßen wird. Das Untersuchungsgebiet liegt südwestlich dieser Hirtenhütte in der Flur „Bi da Seele“, direkt unterhalb/nördlich des Valzifenzgrats/Paschianikopfs (2520 m), der heutigen Staatsgrenze zwischen Österreich und der Schweiz. In diesem Bereich wurden zuvor auf Luftbildern drei auffallende Steinumfriedungen (Abb. 3 + 4) unterhalb einer großen Blockhalde entdeckt, welche als Pferche interpretiert wurden, was sich bei einer Begehung der Strukturen im Jahr 2023 bestätigte. Aufgrund des Erhaltungszustands der Pferche schien es – auch im Vergleich mit ähnlichen, bereits erforschten Befunden in der weiteren Umgebung – wahrscheinlich, dass diese älter als neuzeitlich sind, vielleicht sogar in die Urgeschichte datieren. Um die Pferche und weitere Strukturen genauer datieren und ansprechen zu können, fand im September 2024 eine einwöchige archäologische Kampagne statt.


Im Vorfeld der eigentlichen Grabungen wurde eine systematische Begehung mit dem Metalldetektor im Untersuchungsgebiet durchgeführt. Erstaunlicherweise erbrachte dieser bis auf einige Hufnägel und einen Glockenklöppel – und auffallend wenig modernen Müll – keine relevanten Funde. Gerade im Vergleich mit anderen hochalpinen Metalldetektorsurveys in Vorarlberg und den bereits bekannten urgeschichtlichen Metallfunden des Gargellentals war das Ausbleiben von weiteren Metallfunden (Hufeisen, Kuhglocken, etc.) überraschend.
In zwei Bereichen konnten mittels Beprobung mit einem sogenannten Bohrstock Reste von Holzkohle festgestellt werden. Diese beiden Areale lieferten bei den Grabungen dann auch die spannendsten – und auch ein wenig überraschende – Ergebnisse.
Zuerst wurden die obertägig sichtbaren Strukturen fotografisch dokumentiert und beschrieben. Bei diesen Strukturen handelt es sich um Hirtensitze, überhängende Felsdächer (sogenannte Abris), Pferche und weitere unklare bauliche Strukturen, die wahrscheinlich großteils in Zusammenhang mit Hochweide- bzw. Alpwirtschaft stehen. Beim jüngsten Befund handelt es sich vermutlich um einen provisorischen Unterstand für die Grenzkontrolle des Unteren Grüafürkilis während des Zweiten Weltkriegs.
An der stark überwachsenen Mauer des größten Pferchs (Objekt 1, ca. 36 x 33 m, siehe Abb. 4) wurde Schnitt 1 (Abb. 5) angelegt, um diese zeitlich bestimmen zu können. Leider fanden sich keine datierenden Funde oder Schichten. Allerdings konnte festgestellt werden, dass die Unterkante der Pferchmauer ca. 20 cm tief im Boden liegt. Zwar ist die durchschnittliche Sedimentationsrate bei der Pferchmauer aus verschiedenen Gründen schwer abzuschätzen, jedoch scheint ein mittelalterliches oder noch älteres Datum der Errichtung des Pferchs Objekt 1 naheliegend.

Im Inneren des Pferchs Objekt 1, am Rand der Blockhalde, befindet sich ein großer Felsen (Abb. 6), der ein kleines Felsdach bildet. Vor dieser Abrisituation (Objekt 9) befindet sich eine kleine, ebene, mit großen Steinen umgebene Fläche. Im Grabungsschnitt kam bereits knapp unter der Grasnarbe ein bis zu 30 cm mächtiges Holzkohleschichtpaket zum Vorschein (Abb. 7), in dem leider keine Strukturen oder einzelne Schichten festgestellt werden konnten. Allerdings ergaben Radiokarbondatierungen aus dieser Schicht, dass Menschen hier während der Römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. – 284 n. Chr.), der älteren Eisenzeit sowie der mittleren Bronzezeit gelagert haben. Auch wenn bei der Abrisituation Objekt 9 keine eindeutigen baulichen Strukturen festgestellt werden konnten und die Holzkohleschicht nicht zwangsläufig den Pferch datiert, scheint es doch naheliegend, dass es sich hierbei um die Überreste eines Lagerplatzes handelt, der über Jahrhunderte immer wieder aufgesucht wurde, um Vieh am Augstenberg zu sömmern.


In Schnitt 2 wurde auch der einzige und (nicht nur deshalb) überraschende Fund der Grabung gemacht: ein Steinartefakt der Mittelsteinzeit, nämlich ein kleiner Stichel aus rötlichem Radiolarit (Abb. 8). Aufgrund seines höheren Alters steht er nicht in Zusammenhang mit der Holzkohleschicht.

Zwischen den drei Pferchen und der bestehenden Hirtenhütte am Augstenberg wurden weitere Strukturen entdeckt (Abb. 2). In einer davon, dem Hirtensitz Objekt 17, wurde durch den Bohrstocksurvey ebenfalls Holzkohle entdeckt. Diese Holzkohlreste konnten ebenfalls in die Eisenzeit bzw. die Römische Kaiserzeit datiert werden.
Der Fund des Steinwerkzeugs aus der Grabung (Abb. 8) belegt, dass der Augstenberg zu den mittelsteinzeitlichen Jagdrouten im Gargellental zählte. Hier reiht er sich ein mit den bisher bekannten Fundstellen Gitzistee, Schlappiner Joch und Schafberg sowie den übrigen Fundstellen Vorarlbergs und der Nachbarregionen. Im Hinblick auf die wenigen Funde des Metalldetektorsurveys und das Fehlen einiger Fundgattungen im vorliegenden Fundmaterial (sowohl zeitlich als auch funktional und materialtechnisch) könnte eine künftige umfassende Begehung des Augstenbergs die zeitliche Lücke schließen.
Die einwöchige archäologische Kampagne in der Flur “Bi da Seele” im September 2024 hat Hinweise auf Hochweide- bzw. Alpwirtschaft während der Bronze-, Eisen- und Römischen Kaiserzeit erbracht. Ob die Hochweiden unterhalb des Valzifenzergrats damals vom Montafon aus bestoßen wurden oder über das Untere Grüafürkili (Abb. 1) vom näher gelegenen Prättigau aus, kann derzeit nicht beantwortet werden. Jedenfalls fügt sich der Augstenberg in unser ständig wachsendes Bild der Nutzung des alpinen Raumes während der Urgeschichte ein. Mit diesen Einblicken in die Vergangenheit der Flur “Bi da Seele” tun sich jedoch, wie so oft, neue Fragen auf. Weitere Forschungen im Valzifenztal – und auch im benachbarten Vergaldatal – wären somit wünschenswert!
Danksagung:
Unser Dank für die finanzielle Unterstützung des Projekts gilt den Montafoner Museen (Christoph Walser), dem Land Vorarlberg und dem Bundesdenkmalamt.
Außerdem herzlichen Dank für die Unterstützung an den Archäologischen Dienst Graubünden (speziell Thomas Reitmaier, Christoph Baur und Thomas Praprotnik), an die Agrargemeinschaft Valzifenz (speziell Alpobmann Christoph Pfefferkorn), an die Firma Leica Geosystems (speziell Alexander Kurz), Marina Casaulta, Mariella Fritz, Friedrich Juen und den beiden Hirten Manuel Breuß und Andre Huber.
Literatur:
Martin Gamon, Julia Haas, David Hois, Valentina Laaha, Roman Lamprecht, Klaus Pfeifer, Älteste Alpwirtschaft am Augstenberg? Archäologische Untersuchungen „Bi da Seele“. Jahrbuch Montafoner Museen 2024 (2025), 65–76.
Werner Vogt, Die Alpe Valzifenz. Eine alpgeschichtliche Darstellung, 2013.
Lisa Bringemeier, Der Schafberg über Gargellen im Montafon, Vorarlberg (Österreich). Zur Wirtschaftsgeschichte einer hochalpinen Weidelandschaft. Frankfurter Archäologische Schriften 45, 2023.
Autoren: Martin Gamon, Julia Haas, David Hois, Valentina Laaha, Roman Lamprecht, Klaus Pfeifer